Oliver Lierss

Kapitel 1

 

Unaufhaltsam sinkt der leblose Körper des kleinen schwarzen Mädchens in dem kalten, grauen Wasser der Nordsee hinab. Schwere Ketten und Gewichte ziehen sie gnadenlos in die Tiefe, wo nie ein menschliches Auge ihr furchtbares Ende entdecken kann. Nackt, geschändet und ermordet. So weit weg von ihrer warmen, grünen Heimat, dem Kongo. Ein letzter Lichtstrahl erreicht sie auf ihrem unaufhaltsamen Weg nach unten. Er trifft auf ein kleines Band an ihrem Hals. Das Halsband, das ihre Mutter dem Mädchen bei der Geburt umgelegt hatte. Und ein letztes Mal reflektiert es ihren Namen. Asha 

           

 

10. Oktober 2008, einer der letzten warmen Sommertage des Jahres. Es ist ein Freitagnachmittag, und der Betrieb im BKA Meckenheim-Merl, ganz in der Nähe der ehemaligen Bundeshauptstadt Bonn, deutet schon auf das nahende Wochenende hin.

 

Marcus Kerner, Hauptkommissar im BKA, Bereich „Organisierte Kriminalität“, sitzt noch an seinem Schreibtisch im Erdgeschoss des Gebäudes. Er sieht versonnen aus dem Fenster, wo die glitzernden Sonnenstrahlen des frühen Nachmittags durch das schon in allen Herbstfarben leuchtende Laub der Bäume fällt. Das Gras auf den umliegenden Wiesen wiegt sich leicht im sanften Wind. Marcus Kerner schaut hinaus und denkt, wie friedvoll dieses Bild doch ist. Bestimmt ist er weit davon entfernt, ein Tagträumer zu sein. Sein Leben wird für gewöhnlich von wenig zum Träumen geeignete Realitäten bestimmt. Aber aus diesen kurzen Momenten, in denen er diesen scheinbaren Frieden in sich aufnehmen kann, schöpft er seine Kraft. Er ist erst in den frühen Morgenstunden von einem Einsatz zurückgekehrt, der fast in einer Katastrophe geendet hätte. Einer seiner Männer wurde dabei schwer verletzt. Er lässt den Einsatz noch einmal Revue passieren. Sein Gesicht verdunkelt sich dabei zusehends. Von einer Sekunde zur nächsten sieht man einen anderen Menschen vor sich. Die sonst himmelblauen Augen, die eben noch den friedvollen Eindruck des Spätsommers widerspiegelten, wirken auf einmal stahlgrau. Seine ganze Körperhaltung spannt sich, und er fährt mit der flachen Hand langsam über die Stirn nach hinten über das nackenlange schwarze Haar. Er tut es, als ob er damit die zurückliegenden Ereignisse besser einordnen könnte. Wie konnte alles nur so außer Kontrolle geraten? Er war der Einsatzleiter, er war der Verantwortliche. Und wie immer war dieser Einsatz von ihm geplant und mit der Truppe besprochen worden. In solchen extremen Situationen mussten einfach alle Zahnräder ineinander greifen. Davon hingen schließlich Menschenleben ab. Das hatte für ihn höchste Priorität. Irgendetwas war hier faul, und er würde rausbekommen was. Aber jetzt brauchte er vor allen Dingen erst mal einige Stunden Schlaf.

 

Noch ein paar letzte Einträge, dann wirft er sein Notizbuch vor sich auf den Schreibtisch. Mit einer schnellen Bewegung, die ahnen lässt, wie durchtrainiert sein Körper ist, steht er von seinem Schreibtischsessel auf und geht mit schnellen Schritten zur Garderobe. Obwohl er knapp 1,90m groß ist und fast 100 Kilogramm wiegt, wirken seine Bewegungen drahtig. Als er seine Jacke gerade übergezogen hat und das Büro verlassen will, klingelt sein Telefon. Er zögert kurz, dann geht er zurück und hebt ab.

  „Kerner.“ In seiner Stimme klingt der Missmut über den Anruf förmlich mit. Am anderen Ende der Leitung ist sein vorgesetzter Dienststellenleiter, Kriminalrat Herzog.

  „Hallo Herr Kerner! Gut, dass ich Sie noch erwische. Bitte kommen Sie doch zu mir hoch. Ich möchte etwas mit Ihnen besprechen.“ Kerner schaut den Hörer an, als ob dieser ihm sagen könnte, was Herzog von ihm will. Seinen Abschlussbericht über den Einsatz konnte er ja wohl noch nicht erwarten. Mit einem leichten Achselzucken verlässt er sein Büro und geht den Gang entlang in Richtung der Aufzüge. Unterwegs wünschen ihm einige Kolleginnen und Kollegen ein schönes Wochenende. Insbesondere die Blicke seiner weiblichen Mitarbeiter haften einen Augenblick länger an ihm. Er gehört einfach zu der seltenen Spezies, dessen ganze Erscheinung eine Präsenz ausstrahlt, die bewirkt, dass, selbst wenn er einen mit Menschen gefüllten Raum betritt, doch jeder sein Erscheinen bemerkt. Als er die Aufzüge erreicht, kommt ihm Kriminalrat Dr. Marquart entgegen. Marquart zählt nicht gerade zu Kerners Freunden. Er ist zwar nicht sein direkter Vorgesetzter, aber er hat ihm das Leben schon mehrfach schwer gemacht. Direkt vor Kerner bleibt er stehen, schiebt sich mit dem Mittelfinger provozierend langsam die Brille hoch bis zur Nasenwurzel und sieht Kerner an. Diese Augen können in einem Menschen ein regelrecht körperliches Unbehagen auslösen. Sie sind wässrig blau und hinter den dicken Brillengläsern wirken sie wie Fischaugen. Und genau so viel Gefühl strahlen sie auch aus.

  Er frotzt Kerner an: „Heute Nacht haben Sie ja wohl sechs Monate Ermittlungsarbeit, übrigens in nicht unerheblichem Maß auch die von meiner Abteilung, in den Sand gesetzt. Wenn es nach mir ginge, würden Sie für sämtliche angefallenen Kosten gerade stehen.“

  Kerner hätte diesem selbstgerechten Kotzbrocken am liebsten einen Kinnhaken verpasst. Aber er bleibt äußerlich vollkommen ruhig. „Am Montagmorgen hat Kriminalrat Herzog meinen Bericht vorliegen. Er wird Sie bei Bedarf sicher informieren. Und jetzt entschuldigen Sie mich. Kriminalrat Herzog wartet auf mich in seinem Büro.“ Der lakonische Ton in Kerners Stimme treibt Marquart die Zornesröte ins Gesicht. Er ist es gewohnt, dass man sich vor ihm fürchtet. Aber dieser Hauptkommissar Kerner will einfach keine Notiz von ihm nehmen. Nun, dies könnte sich vielleicht noch ändern. Seine Augen ziehen sich zu schmalen Schlitzen zusammen. Dann geht er, ohne noch ein weiteres Wort zu sagen, an Kerner vorbei in Richtung Ausgang.

  Kerner betritt den Fahrstuhl und sieht Marquart, der fast schon den Ausgang erreicht hat, nach. Dieser kleine untersetzte Mann mit den unangenehmen Fischaugen ist sehr gefährlich. Das weiß Kerner. Wie gefährlich er wirklich war, das sollte er bald erfahren.

  Kerner betritt das Vorzimmer von Kriminalrat Herzogs Büro. Sein eben noch düsteres Gesicht erhellt sich. Hinter einem riesigen, alten Schreibtisch, der wie immer vor lauter Akten fast zusammenzubrechen droht, sitzt Frau Berendt. Mit ihren großen, rehbraunen Augen strahlt sie Kerner an.

  „Guten Tag Herr Hauptkommissar. Ich habe Sie ja schon seit ein paar Tagen nicht mehr gesehen. Mögen Sie mich etwa gar nicht mehr, oder was hält Sie mir fern? Vielleicht eine eifersüchtige Freundin, von der ich noch nichts weiß?“ Sie lacht, und es ist ein Lachen, das einfach jeden grauen Gedanken vertreiben kann. Das herzhafte und ehrliche Lachen eines von Grund auf positiven Menschen. Christa Berendt ist einfach die gute Seele der ganzen Abteilung. Sie arbeitete jetzt schon seit über fünfzehn Jahren als Chefsekretärin für Kriminalrat Herzog, und ohne sie wäre diese Abteilung sicher nicht dieselbe.

  Kerner muss lachen. „Christa, wenn ich am Boden zerstört bin und mich am liebsten in eine Ecke verkriechen möchte, brauche ich nur zwei Minuten in Ihrem Büro zu sein, und ich weiß wieder genau, dass sich unsere Arbeit lohnt.“

  Christa Berendt stützt die Ellbogen auf den Schreibtisch, legt das Kinn auf die verschränkten Hände und himmelt Kerner blinzelnd an. „Mehr davon“, sagt sie träumerisch.

  Kerner lächelt sie liebevoll an und wird fast ein bisschen verlegen. „Kann ich zu ihm rein?“, fragt er und zeigt auf die Tür, die zu Kriminalrat Herzogs Büro führt. Mit gespielter Enttäuschung über den viel zu kurzen Flirt zieht Christa die Mundwinkel nach unten, macht einen Schmollmund und zeigt Kerner mit einer Handbewegung an, dass er erwartet wird. Kerner schüttelt leicht den Kopf und lacht. Was für eine Frau, denkt er bei sich und tritt nach kurzem Klopfen in Kriminalrat Herzogs Büro.

  „Guten Tag Herr Kriminalrat. Sie wollten mich sprechen?“

  Kriminalrat Herzog steht am Fenster, die Hände auf dem Rücken gefaltet und sieht nachdenklich hinaus. Sein Haar ist fast eisgrau und lichtet sich schon etwas am Hinterkopf. Jedoch hat dieser Mann trotz seiner fast sechzig Jahre eine unglaubliche Energie.

  „Wie geht es Wegener?“, fragt er ohne sich umzudrehen.

  „Er liegt in der Bonner Uni-Klinik und ist über den Berg“, antwortet Kerner mit hörbarer Erleichterung über das, was er gerade sagen konnte.

  „Das ist gut“, erwidert Kriminalrat Herzog leise. „Gut für ihn und gut für Sie Kerner.“ Dann spricht er, immer noch aus dem Fenster sehend, weiter. „Marquart will Sie raus haben. Ich frage mich nur wieso. Irgendetwas stimmt hier nicht.“ Herzog dreht sich um und geht zu seinem Schreibtisch. Dort bleibt er stehen und sieht Kerner an. Seine dunkelbraunen Augen werden von dichten Augenbrauen eingerahmt und strahlen eine unglaubliche Ruhe und ein hohes Maß an Intelligenz aus. „Wie lange sind Sie schon bei uns?“, fragt er dann unvermittelt.

  „Fast fünf Jahre“, antwortet Kerner.

  „Sie haben angefangen, Theologie zu studieren. Nach drei Semestern haben Sie dann Ihr Studium abgebrochen und sind zur Kriminalpolizei gegangen. In Ihrer Freizeit engagieren Sie sich sehr in Ihrer Pfarrgemeinde. Wie kommt dieser doch eher ungewöhnliche Werdegang eigentlich zustande?“

  Kerner ist überrascht von der Frage. Doch er weiß genau, warum er hier ist. „Ich bin sehr stark im christlichen Glauben erzogen worden. Und für mich stand der Mensch immer im Mittelpunkt. Es stand für mich fest, dass jeder ein Stück weit für seine Mitmenschen verantwortlich ist. Leider musste ich feststellen, dass es Leute gibt, die darauf pfeifen, welches Schicksal andere erleiden. Mehr noch: Oft nehmen sie einfach billigend in Kauf, dass andere schwer zu Schaden kommen. Sie provozieren es, ordnen es an oder praktizieren es selbst. Es wird gelogen, manipuliert, betrogen und auch gemordet, um Macht, Geld und Einfluss in die Hände zu bekommen oder dort zu behalten. Es spielt keine Rolle, wer dabei auf der Strecke bleibt. Es war am 13. August 1993 in Berlin. Meine Cousine war damals dreizehn Jahre alt. Sie wurde, als sie abends von einer Freundin kam und auf dem Nachhauseweg war, überfallen, brutal vergewaltigt und dann bestialisch ermordet. Es müssen mehrere Täter gewesen sein. Das Verbrechen wurde nie aufgeklärt. Auf ihrer Beerdigung sah ich das Leid, das hier ausgelöst worden war, und ich fühlte mich plötzlich absolut hilflos. Mein Theologiestudium machte nichts ungeschehen, konnte es nicht verhindern. Ich weiß noch, dass der Pfarrer es bei der Beerdigung verstanden hat, auf unglaubliche Weise die Angehörigen in ihrer Trauer zu trösten und ihnen Mut zu machen. Ich spürte ihm gegenüber eine große Dankbarkeit und wusste, dass er eine wirklich wichtige Aufgabe hatte, der ich wahrscheinlich nie gewachsen sein würde. In mir stieg einfach nur die Wut darüber hoch, dass Menschen, die so etwas tun, unbehelligt weitermachen können. Deshalb habe ich mich entschlossen, meine Position auf dem Spielfeld zu ändern. Ich wollte nicht mehr nur hilflos zusehen. Ich wollte, wenn möglich, einigen Leuten die Rechnung für das, was sie anrichten, präsentieren. Und bestimmt nicht denen, die beim Metzger eine Scheibe Wurst geklaut haben. Aus dem Grund bin ich hier.“

  Kriminalrat Herzog sieht Kerner einen Moment lang schweigend an. „Das war eine gute Entscheidung, Hauptkommissar Kerner. Denn Sie sind mein bester Mann. Sie haben mein rückhaltloses Vertrauen. Bitte setzen Sie sich.“

Kerner spürt, dass Kriminalrat Herzog nicht so ist wie sonst. Er kennt diesen Mann nun schon seit ein paar Jahren. Deshalb ist seine Frage auch gerade heraus.

„Was ist los, Herr Kriminalrat? Irgendetwas stimmt doch nicht?!“ Kriminalrat Herzog zieht aus der Schublade seines Schreibtisches eine rot gekennzeichnete Akte hervor. Er legt sie vor sich hin und sieht Kerner über den Rand seiner Brille her scharf an. „Alles, was diese Akte beinhaltet, ist streng geheim. Es dürfen keinerlei Details an die Öffentlichkeit gelangen. Andere Dienststellen werden nur involviert, wenn es erforderlich ist. Alle Ergebnisse werden vorerst nur mir mitgeteilt. Ich möchte nicht im Vorfeld schon eine Lawine lostreten.“

Kerner nickt und lehnt sich etwas auf seinem Stuhl zurück.

„Herr Hauptkommissar, Sie haben alle notwendigen Eigenschaften, um die Verbrecher der Oberliga zu jagen. Und genau das werden Sie jetzt tun. Sagen Sie, sind Sie eigentlich etwas bewandert in der Geschichte der SS?“

Kerner fährt sich mit der Hand in den Nacken. „Na ja, ehrlich gesagt, nicht viel mehr als man durch Schulzeit und Studium normalerweise bewandert ist. Natürlich weiß ich, dass das Ganze eine komplizierte Vor- und Nachgeschichte hat und dass die Ereignisse von damals sehr viel weiter reichen, als allgemein bekannt ist. Aber worauf wollen Sie hinaus?“

Kriminalrat Herzog lächelt ihn fast ein bisschen väterlich an. „Ich habe auch nicht viel anderes erwartet. Die Ereignisse von damals haben sich größtenteils lange vor Ihrer Geburt abgespielt. Ich werde Sie jetzt über den Inhalt dieser Akte informieren. Die Kripo in Offenburg hat uns heute Morgen um Unterstützung gebeten. Am Dienstagabend gegen 23 Uhr ereignete sich auf der B 500 in Richtung Baden Baden, Höhe Seewald, ein Unfall. Der Unfallwagen wurde zirka dreißig Meter abseits der Straße sichergestellt. Er hatte sich mehrfach überschlagen und war gegen einen Baum geprallt. Ein älteres Ehepaar, welches ein Stück weit hinter dem Unfallwagen fuhr, sah den Überschlag, hielt am Unfallort an und benachrichtigte sofort Polizei und Rettungskräfte. Sie parkten ihren Wagen am rechten Fahrbahnrand und stiegen aus. Der Mann lief in Richtung des verunglückten Wagens, die Frau stellte inzwischen in ungefähr einhundert Meter Entfernung ein Warndreieck und eine Warnblinklampe auf. Deshalb bekam sie auch nichts von dem mit, was sich bei dem Unfallfahrzeug abspielte. Nach Aussage des Mannes lief er zu dem Wagen hin und wollte sehen, ob er Erste Hilfe leisten könne. Als er dort ankam, sah er, wie ein zirka fünfundzwanzigjähriger Mann südländischen Typs durch das nach oben ragende Seitenfenster ausstieg. Der Mann hielt sich die Schulter fest, schien aber ansonsten keine schweren Verletzungen zu haben. Er kam sofort auf den Unfallzeugen zu und schnauzte ihn an, ob er die Polizei verständigt habe. Der Mann war vollkommen überrascht vom Auftreten des Verletzten. Er teilte dem Mann mit, dass Polizei und Rettungskräfte unterwegs seien. Daraufhin soll der Mann etwas hinter seinem Rücken hergezogen haben, was er dem Zeugen auf den Kopf schlug. Dieser erlitt eine schwere Platzwunde am Kopf und war besinnungslos. Über die weiteren Ereignisse kann er deshalb auch keine Angaben mehr machen. Seine Frau, die mittlerweile wieder auf dem Weg zurück zur Unfallstelle war, konnte durch die Dunkelheit überhaupt nichts zum Geschehenen aussagen. Als sie aber wieder in Höhe der Unfallstelle angekommen war, rief sie nach ihrem Mann. Als der aber nach mehrmaligem Zurufen keine Antwort gab, wurde sie unruhig. Dann sah sie an der Stelle, wo der Unfallwagen sein musste, ein Feuer aufflackern. Sie lief sofort in Richtung des Feuers und rief wieder laut nach ihrem Mann. Als sie näher kam, konnte sie deutlich den Wagen erkennen, der teilweise stark deformiert war. Aus der Heckscheibe heraus ragte ein Sarg, der am oberen Ende beschädigt schien. Das Feuer hatte sich mittlerweile im Innenraum des Wagens ausgebreitet. So konnte sie im Schein des Feuers, ungefähr drei Meter vor dem Wagen, ihren Mann sehen, der auf dem Rücken lag und stark am Kopf blutete. Sie lief zu ihm und zog ihn mit aller Kraft ein Stück von dem brennenden Wagen weg. In dem Moment, als sie ihn in sicherer Entfernung glaubte, hörte sie auch schon den Rettungswagen. Die beiden Rettungsassistenten haben später ausgesagt, dass, als sie bei der Unfallstelle eintrafen, der verunglückte Wagen brannte. Einer der beiden lief sogleich in Richtung der Frau, die ihm schon entgegenkam. Der andere nahm einen Feuerlöscher aus dem Führerhaus. Er lief zu dem brennenden Wagen und löschte das Feuer. Zirka drei Minuten später trafen auch der Notarzt und die Polizei bei der Unfallstelle ein. Der verletzte Mann und seine Frau wurden kurze Zeit darauf zum Kreiskrankenhaus nach Oberkirch gebracht. Die Polizei sperrte dann die Unfallstelle ab. Die beiden Beamten begannen, den Unfallort näher zu untersuchen. Auch ihnen fiel sofort der Sarg auf, der aus der Heckscheibe ragte. Des Weiteren hatte der Wagen keine polizeilichen Kennzeichen mehr. Einer der Beamten ging zum Ende des angekohlten Sarges, welcher stark beschädigt war, und leuchtete mit einer Taschenlampe durch einen aufgeborstenen Spalt hinein. Der Beamte bekam einen furchtbaren Schrecken. Der Leiche dort im Sarg fehlte der Kopf. Die beiden Beamten benachrichtigten die Kripo in Offenburg. Diese fuhren sofort mit einem Team der Spurensicherung zur Unfallstelle. Auch für sie war auf den ersten Blick durch den Spalt nur zu erkennen, dass in dem Sarg eine Leiche ohne Kopf lag. Es wurde auch noch eine Hundestaffel angefordert, die den Unfallort weiträumig nach dem Fahrer des Wagens absuchte. Leider ohne Ergebnis. Der Sarg wurde unterdessen komplett ins gerichtsmedizinische Institut nach Freiburg gebracht. Der Unfallwagen steht bei der Polizei in Baden Baden und wird dort noch auf Spuren untersucht.

 

Und jetzt kommen wir zu dem Teil der Geschichte, der sie für uns zur obersten Chefsache macht. Die Rechtsmedizin hat den Sarg geöffnet. Er war zwar von außen schon stark angekohlt, aber der Innenraum samt Inhalt war vom Feuer verschont geblieben. Bei der Leiche handelt es sich um einen Mann im Alter zwischen achtzig und einhundert Jahren. Vom Hauttyp her Mittel- oder Südeuropäer. Außer dem Kopf fehlte der Leiche auch die rechte Hand. Die kompletten Fingerkuppen der linken Hand waren schwarz verbrannt und zu Brei gequetscht. Ebenso sah es mit beiden Füßen aus. Das waren keine Auswirkungen des Unfalls oder des anschließenden Brandes. Die Untersuchung hat zweifelsfrei ergeben, dass diese Verletzungen vor dem Tode beigebracht wurden. Das heißt, der Mann muss vor seinem Tod grauenvoll gequält worden sein.“

Kriminalrat Herzog zieht sich mit einer Hand die Brille von der Nase und sieht Hauptkommissar Kerner an. Kerner versucht sich vorzustellen, welche Qualen dieser Mann in den letzten Stunden seines Lebens erleiden musste. Seine Augen verengen sich.

„Was noch?“

Herzog fährt fort: „Nun, bis jetzt ist das so ziemlich mit das grausamste Verbrechen, das ich je zu bearbeiten hatte. Aber jetzt wird der Fall zusätzlich noch höchst brisant. Und deshalb sind die folgenden Informationen auch streng vertraulich.“ Kriminalrat Herzog setzt seine Brille wieder auf und liest weiter. „Die Obduktion hat im Weiteren folgendes ergeben: Der Mageninhalt des Toten wurde untersucht und man fand, eingebettet in Kaugummireste, einen Ring. Es handelt sich dabei um einen SS-Ehrenring, wie er im dritten Reich durch Heinrich Himmler vergeben wurde. Auf der Innenseite des Rings ist folgendes eingraviert:

 

S. l. b. Heim, 1. 12.38, H. Himmler, 6016.

 

Außen weist der Ring einen Totenkopf mit gekreuzten Knochen und einige Runenzeichen und Verzierungen auf. Er ist aus reinem Silber und wird derzeit von einem Experten auf seine Echtheit hin geprüft. Sollte dies der Fall sein, würde das bedeuten, dass der Ring einem der letzten und meist gejagten, noch lebenden Naziverbrechern gehört: Aribert Heim. Der Name dürfte Ihnen bekannt sein.“

  Kerner sitzt wie gebannt auf seinem Stuhl. „Und ob ich den Namen kenne. Aribert Heim, auch als Dr. Tod bekannt. Einer der schlimmsten Nazis, die es gab. Lagerarzt im KZ Sachsenhausen, Lagerarzt im KZ Buchenwald, Lagerarzt im KZ Mauthausen. Hat aus lauter Sadismus, Langeweile oder zu Übungszwecken Menschen Organe entnommen.“ Kerner lacht verzerrt. „Eine Narkose empfand er immer als überflüssig. Sollte dieser Schlächter tatsächlich in dem Sarg liegen?“

  Kriminalrat Herzog klappt die Akte zu und legt seine Brille darauf ab. „Genau das wissen wir nicht. Es gibt im Moment nichts, womit wir das hieb- und stichfest beweisen könnten. Der Aufenthaltsort seiner Kinder ist unbekannt. Das wäre eine Möglichkeit, über einen DNA-Test den Beweis zu erbringen. Ansonsten haben wir zurzeit schlechte Karten. Deshalb werden Sie morgen nach Offenburg reisen, sich vor Ort einen Überblick über sämtliche relevanten Fakten verschaffen und dann, Herr Hauptkommissar ... dann denke ich, stehen Sie vor dem größten Fall Ihrer Laufbahn. Viel Glück. Und jetzt schlafen Sie erst mal.“

  Hauptkommissar Kerner steht nachdenklich von seinem Stuhl auf. Langsam geht er Richtung Tür. Dann dreht er sich noch einmal um. „Wieso geben Sie mir den Fall, Herr Kriminalrat?“

  Kriminalrat Herzog, der schon wieder begonnen hatte, in seine Unterlagen zu sehen, schaut zu Kerner hoch und setzt sich in seinem Sessel zurück. „Weil ich, Herr Hauptkommissar, viele Akten lese. Unter anderem auch die Ihre. Ich weiß, dass Ihre Großeltern 1944 von der Gestapo aus ihrem Haus verschleppt worden sind, weil sie eine jüdische Familie in ihrem Keller versteckt hielten. Die Juden sind sofort nach Auschwitz deportiert worden und Ihre Großeltern wurden nie mehr gesehen. Ihre Mutter wuchs dann in einem Heim auf. Ich könnte mir also gut vorstellen, dass Sie diesen Fall erheblich schneller vorantreiben als manch anderer.“

  Hauptkommissar Kerner sieht Kriminalrat Herzog einigermaßen verblüfft an. Es gab nur ganz wenige Menschen, denen er diese Geschichte erzählt hatte. Kriminalrat Herzog sieht die Frage im Gesicht von Kerner und schmunzelt. „Ich muss alles wissen Kerner. Sie nicht ganz.“ Dann zieht er seinen Sessel wieder näher an seinen Schreibtisch und arbeitet weiter. 

 

Kapitel 2

 

Der silberne Audi bewegt sich langsam die kurvenreiche und stark bewaldete Strecke, die sich ungefähr zwanzig Kilometer außerhalb von Bonn befindet, den Berg hoch. Es ist neblig an diesem frühen Samstagmorgen, und der Regen der letzten Nacht hat die Straße, auf der schon überall das Herbstlaub liegt, in eine Rutschbahn verwandelt. Kleine zusammengezogene Fischaugen, unter der breiten Krempe eines altmodischen Hutes hinter dicken Brillengläsern versuchen, den dichten Nebel zu durchdringen.

Kriminalrat Marquart bringt die letzten Biegungen hinter sich und erreicht ein großes Plateau. Ein imposanter Gebäudekomplex taucht dort im langsam aufsteigenden Nebel vor ihm auf. Es ist das Grand Hotel Petersberg hoch über dem Rheintal. Ein herrschaftlicher Bau aus dem 18. Jahrhundert, dessen Anblick einem eine gewisse Ehrfurcht beschert. Kriminalrat Marquart verspürt nichts dergleichen. Er ist auf dem Weg zu einem Treffen, auf das er heute Morgen gut und gerne hätte verzichten können. Sein Mund ist trocken, und der Kragen seines Hemdes erscheint ihm viel zu eng. Langsam fährt er auf den Parkplatz des Hotels und steigt aus. Die Luft ist kühl zu dieser frühen Stunde des Tages. Trotzdem sieht man dunkle Flecken, die sich unter Marquarts Achseln ausbreiten. Hektisch schaut er noch einmal auf seine Armbanduhr. Er ist früh genug. Aus dem Fond seines Wagens holt er sein Jackett und einen Regenmantel. Seine Blicke beobachten kurz das umliegende Gelände. Dann geht er mit schnellen Schritten in Richtung Hoteleingang. Unter dem Säulenvorbau führt ein roter Teppich zur Eingangstüre des Nobelhotels. Marquart betritt die Empfangshalle und schaut sich wieder nach allen Seiten um. Die Halle ist so früh fast menschenleer. Marquart geht zielstrebig in Richtung der Rezeption. Einer der beiden Portiers, die dort beschäftigt sind, tritt ihm an dem großen Empfangstresen gegenüber und lächelt ihn freundlich an.

„Willkommen auf dem Petersberg. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“

Marquart räuspert sich. „Ich habe eine Verabredung mit Conte Vigiani. Mein Name ist Braun. Würden Sie den Conte bitte informieren, dass ich hier bin.“ Den Namen Braun verwendete Marquart immer, wenn er in Sachen unterwegs war, von denen besser niemand etwas erfahren sollte.

„Natürlich mein Herr. Ich werde Sie sofort anmelden. Bitte nehmen Sie doch so lange Platz.“ Der Portier weist zu einer einladend aussehenden Sitzgruppe in der Nähe der Rezeption. Dann geht er zum Telefon und wählt eine Nummer. Marquart holt ein Taschentuch aus seiner Hosentasche, zieht die Brille ab und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Hinter der Rezeption her kommt der Portier auf ihn zu und bleibt mit auf dem Rücken verschränkten Händen vor ihm stehen.

„Herr Braun, der Conte Vigiani bittet Sie um einen Moment Geduld. Er lässt Sie sogleich abholen. Kann ich Ihnen vielleicht etwas anbieten? Vielleicht eine Tasse Kaffee oder sonst irgendetwas?“

„Ein Mineralwasser“, erwidert Marquart trocken, ohne den Portier auch nur anzusehen.

„Sehr gerne Herr Braun, ich werde es Ihnen sofort bringen.“ Der Portier wendet sich elegant um und geht wieder in Richtung Rezeption. Unterwegs zieht er seine Augenbrauen hoch als Ausdruck seiner Missbilligung über das rüpelhafte Verhalten des frühen Gastes.

Marquart wartet nun schon fast eine viertel Stunde, und sein Magen macht ihm zu schaffen. Dann betritt aus einem Seitengang heraus eine hünenhafte Gestalt die Eingangshalle. Der Mann misst weit über zwei Meter. Sein Gesicht wirkt hart und kantig. Sein hellblondes Haar ist militärisch kurz geschnitten. Er geht direkt auf Marquart zu und begrüßt ihn.

„Guten Morgen Dr. Marquart. Bitte entschuldigen Sie die lange Wartezeit. Der Conte Vigiani erwartet Sie jetzt in seiner Suite. Wenn Sie mir folgen wollen.“ Der Bodyguard dreht sich halb herum und weist Marquart die Richtung. Dann geht er mit schnellen Schritten, ohne eine Antwort abzuwarten, in die Richtung, aus der er kam. Marquart beeilt sich, noch einen Schluck Wasser zu trinken, greift seinen Hut und Mantel und hastet dem Hünen hinterher. Bevor dieser wieder den Seitengang erreicht, kann Marquart ihn einholen und versucht, ein Gespräch anzufangen.

„Scheußliches Wetter heute Morgen“, kommt es etwas unbeholfen aus ihm heraus.

Der Hüne würdigt ihn keines Blickes und erwidert nur kurz: „Ja scheußlich.“

Nachdem sie ein paar Mal in andere Gänge abgebogen sind, erreichen sie einen separaten Aufzug. Dieser kann von anderen Hotelgästen nicht genutzt werden. Er ist allein der Präsidentensuite vorbehalten. Der Bodyguard steckt eine Key-Card in einen Schlitz und gibt über ein Tableau einen Code ein. Der Aufzug öffnet sich, und der Bodyguard deutet Marquart an, hineinzugehen. Er verfügt lediglich über drei Haltepositionen. Die Tiefgarage, die Eingangshalle im Erdgeschoss und die Präsidentensuite im Obergeschoss. Der Bodyguard wählt die Suite an und ohne den geringsten Ruck geht es aufwärts. Nun dreht sich der Hüne zu Marquart um und steht direkt vor ihm.

Marquart fühlt sich irgendwie schlecht. Immer stärker rebelliert sein Magen.

„Nun Dr. Marquart, Sie kennen ja das Prozedere. Bitte geben Sie mir alle Waffen, die Sie bei sich tragen und holen Sie alle andere Metallgegenstände aus den Taschen.“

Marquart öffnet sein Jackett, zieht seine HK P30 aus dem Schulterhalfter und übergibt Sie dem Bodyguard. Dann greift er in die Tasche seines Mantels und holt einen Schlüsselbund heraus. Er breitet die Arme seitlich aus und bleibt stehen. Der Hüne nimmt einen Metalldetektor von der Wand und fährt Marquart damit ab. Anschließend tastet er nochmals mit den Händen. Er scheint zufrieden.

„Sie wissen ja“, sagt er lapidar und hebt wie zu einer Entschuldigung Arme und Schultern an. Die beiden sind mittlerweile bei der Präsidentensuite angekommen. Aber erst jetzt öffnet der Bodyguard die Tür des Fahrstuhls. Sie betreten eine große Diele, die mit feinstem, weißem Marmor gestaltet wurde. In der Nähe des Fahrstuhls sitzt auf einem alten Kanapee ein weiterer Sicherheitsmann. Er wechselt einen kurzen Blick mit Marquarts Begleiter und widmet sich dann wieder der Zeitung neben sich.

„Bitte hier lang“, fordert Marquarts Begleiter ihn auf mitzukommen. Sie betreten ein großes Esszimmer von beeindruckender Ausstattung. Der Boden ist zum großen Teil mit edlen Teppichen ausgelegt. An den Wänden befinden sich Gemälde alter Meister, wie Gauguin, Rubens und Renoir. Marquarts Anwesenheit in diesem Ambiente wirkt schon fast grotesk. Aber sein Magen fängt an, sich zu beruhigen. Irgendetwas sagt ihm, dass dies nicht der Ort ist, an dem einem etwas Schlimmes passiert. Der Bodyguard führt ihn zu einer weit geöffneten Doppeltüre, die zu einer Außenterrasse führt. Marquart tritt hinaus. Der aufsteigende Nebel lichtet sich langsam immer mehr. Ein Stück weit weg, an der Brüstung der Terrasse, steht ein hochgewachsener Mann in einem langen, dunkelroten Morgenmantel aus feiner Seide. Er ist zirka vierzig Jahre alt, und seine streng nach hinten frisierten schwarzen Haare zeigen an den Schläfen schon eine leichte Graufärbung. Seine Gesichtszüge sind streng und wirken herrisch. Der Conte Vigiani steht dort und lässt das Bild, das sich ihm bietet, auf sich einwirken. Längst hat er die Ankunft Marquarts hinter sich bemerkt. Er dreht den Kopf und nickt Marquarts Begleiter kurz zu.

„Kommen Sie Dr. Marquart. Sehen Sie sich das hier an.“ Marquart beeilt sich der Aufforderung Folge zu leisten und stellt sich neben Conte Vigiani an die Brüstung. Aus den Augenwinkeln sieht er an der Seite der Terrasse einen weiteren Bodyguard, der die Umgebung beobachtet und sich mit keiner Miene für seine Anwesenheit zu interessieren scheint. Alle diese Leute im Umfeld des Conte sind Söldner mit einer Spezialausbildung. Das registriert Marquart sofort. In dem Moment, in dem man auch nur den Versuch starten würde, den Conte in irgendwelche Bedrängnis zu bringen, wäre man bereits tot. Conte Vigiani nimmt die Zigarre, die er in der Hand hält, zum Mund und zieht lange und kräftig daran. An seiner Hand steckt ein mächtiger goldener Siegelring mit einem tiefblauen Lapislazuli in der Mitte - einem Stein mit den funkelnden Einschlüssen aus Pyrit. Er ist in der Form eines Schildes geschliffen worden. Ebenfalls in Gold sind ein Schwert, ein Helm und ein Löwe eingearbeitet. Das Wappen der Vigianis, einer uralten Familie aus dem italienischen Hochadel.

Die Familie Vigiani hat die Aktienmehrheit an vielen Unternehmen der Industrie. Ihre Macht erstreckt sich weit über die Grenzen Europas hinweg.

Marquart sieht an der imposanten Fassade des Hotels herunter in das tief unter ihnen liegende Rheintal. Der Conte Vigiani blickt ihn von der Seite an. Marquart sieht in diese Augen, die fast schwarz sind. Ein kalter Schauer läuft ihm den Rücken herunter. Ein Feind dieses Mannes möchte er wirklich nicht sein. „Es ist ein fantastischer Ausblick“, kommt es mit belegter Stimme aus seinem Mund. Conte Vigiani zieht wieder an seiner Zigarre.

„Ja mein Lieber, das ist es. Ein fantastischer Anblick. Viele gekrönte Häupter und Präsidenten haben hier schon gestanden. Hier und an anderen Orten, die nur wenigen Auserwählten zugänglich sind. Und sie alle spürten was ich spüre. Die Macht und die Kraft der Vorfahren unserer westlichen Welt. Die hohe Kultur, die durch das Blut unserer Vorfahren an uns und unsere Nachfahren weitergegeben wird. Und unser aller höchste Aufgabe ist es, diese Kultur zu bewahren. Denn ein Volk ohne Kultur ist wie ein Baum ohne Wurzeln. Und genau wie bei einem Baum muss man darauf achten, dass um ihn herum nicht zuviel wächst, das seine Wurzeln vernichtet. Man muss es mit allen Mitteln bekämpfen.“ Marquart nickt nur zustimmend und tupft sich mit seinem Taschentuch die Stirn ab, auf der sich wieder Schweißperlen gebildet haben. Er hat nicht die leiseste Ahnung, was der Conte meint.

„Kommen Sie Dr. Marquart, ich wollte gerade frühstücken. Leisten Sie mir Gesellschaft.“ Conte Vigiani legt seine Zigarre in einem Aschenbecher ab, der auf einem kleinen Tisch in der Nähe der Brüstung steht und geht zurück in das Esszimmer. Auf einem Chippendale-Tisch in der Mitte des Raumes ist ein kleines Frühstücksbuffet aufgebaut. Eine Serviererin, die scheinbar nicht zum Hotel, sondern zu den Bediensteten des Conte gehört, bringt gerade Kaffee zum Tisch. „Soll ich ein Gedeck für Sie auflegen lassen, Doktor?“

Marquart räuspert sich. „Nein danke, Conte Vigiani, aber ich habe eine kleine Magenverstimmung. Wenn möglich, hätte ich gerne ein Mineralwasser.“ Der Conte lächelt vielsagend. Er kann sich die Magenverstimmung seines Gastes sehr gut erklären.

„Minette, ein Mineralwasser für unseren Gast, bitte.“ Minette eilt zur Küche. „Nun Dr. Marquart, wenn Sie wirklich keinen Appetit haben, dann nehmen Sie doch bitte Platz.“ Der Conte weist auf eine Gruppe von Stühlen in der Nähe des Chippendale-Tisches. Minette kommt zurück und serviert Marquart mit einem höflichen Lächeln sein Mineralwasser. Dann schickt sie der Conte hinaus. „Danke Minette, ich brauche Sie vorerst nicht mehr.“ Mit einem angedeuteten Knicks und einem „Sehr wohl Conte Vigiani“, verlässt Minette das Esszimmer.

„Guiseppe!“ Der Conte wendet sich an seinen Bodyguard, der in einer anderen Ecke des Esszimmers Platz genommen hat. „Bitte schließ‘ doch die Terrassentür und dann lass mich einen Moment mit Dr. Marquart alleine.“ Der Hüne erhebt sich und tut, was ihm gesagt wurde. Wieder treten Schweißperlen auf Marquarts Stirn. Er wischt sie mit seinem Taschentuch ab. Mit einem eher verzerrt wirkendem Lächeln wünscht er dem Conte einen guten Appetit. Conte Vigiani schiebt sein Gedeck ein Stück auf dem Tisch nach vorne, stützt die Ellbogen auf und lehnt sich etwas nach vorne. Seine Stimme ist leise und bedächtig, als er anfängt zu sprechen. „Dr. Marquart, auf unser Betreiben hin sind Sie vom FBI zum BKA nach Meckenheim gekommen. Wir waren der Ansicht, dass Sie für uns dort von größerem Nutzen sein würden. Ich denke, dass die Zuwendungen, die Sie von uns erhalten, sehr generös sind, und wir erwarten daher natürlich, dass demgegenüber auch eine äquivalente Leistung steht. Sehen Sie, Dr. Marquart, mein Vater und seine Freunde haben eine größere Aktion geplant. Solch eine Unternehmung kann aber nur dann von Erfolg gekrönt sein, wenn jeder einzelne seine Aufgaben in vollem Umfang erfüllt.“

Der Ton in Vigianis Stimme hat sich merklich verändert. Sie klingt scharf, und der Ausdruck seiner Augen verstärkt diesen Eindruck noch. Marquart fühlt sich hundeelend. Er hat das Gefühl, sich übergeben zu müssen. Er ringt um Fassung und versucht, etwas zu entgegnen. Doch der Conte zeigt ihm mit einer Handbewegung an, dass er schweigen soll. Dann fährt er fort. „Zwei Dinge sind in dieser Woche geschehen. Zum einen ist eine Transaktion, die für uns eine nicht unerhebliche Bedeutung hatte und die Sie abschirmen sollten, fast aufgeflogen. Zum anderen - und diese Angelegenheit ist für uns ungleich wichtiger - ist etwas abhanden gekommen, was wir unter allen Umständen zurück erhalten müssen. Die Kripo in Offenburg ist leider durch das unverzeihliche Unvermögen eines unserer Männer in den Besitz der Leiche eines lieben Verstorbenen gekommen. Wir sind nach Ausschluss aller anderen Möglichkeiten zu dem Schluss gekommen, dass dieser Verblichene etwas bei sich tragen muss, das wir unbedingt wieder haben wollen. Es handelt sich dabei um einen SS-Ring. Die Bedeutung dieses Ringes kann sich außer uns keinem erschließen. Sie ist auch für Sie vollkommen irrelevant. Aber seien Sie dessen versichert, dass sich alle - aber auch alle - Opfer lohnen, diesen Ring wieder zu erlangen. Wir wissen mittlerweile, dass eine Stelle Ihres BKA in die Ermittlungen eingeschaltet wurde. Wissen Sie irgendetwas darüber?“

Marquart muss sich schon wieder räuspern, bevor er dem Conte antworten kann. „Nun Conte, ich denke, dass eine solche Angelegenheit im Zuständigkeitsbereich von Kriminalrat Herzog gelandet sein könnte. Herzog versteht es bis jetzt, die Ermittlungen seiner Abteilung fast komplett gegen mich abzuschotten. Es ist sehr schwer, etwas in Erfahrung zu bringen. Besonders sein Musterkommissar Kerner macht es mir schwer, mehr für Sie zu tun.“

Conte Vigiani lehnt sich etwas auf seinem Stuhl zurück und faltet ein wenig entspannt die Hände. „Herr Dr. Marquart. Mein Vater und seine Freunde waren der Ansicht, dass Ihre Nützlichkeit für uns doch bei weitem überbewertet sei. Ich konnte Sie aber davon überzeugen, dass Sie uns gerade in der eben beschriebenen Misere noch sehr hilfreich sein könnten. Ich sagte Ihnen also, dass jeder mal einen Fehler machen kann. Um einen solchen Fehler aber aus der Welt zu schaffen, müssen sich die Anstrengungen eines solchen Mannes vervielfachen. Also Dr. Marquart, ich erwarte von Ihnen, dass Sie sich unseres Problems annehmen. Und es sollte für Sie aller oberste Priorität haben, es zu unserer Zufriedenheit zu lösen. Weil, Herr Dr. Marquart ... und jetzt sollten Sie mir aufmerksam zuhören. Zwei Fehler ... wären einer zuviel.“

Marquart ist bei den letzten Worten des Conte jede Farbe aus dem Gesicht gewichen. Er will nur noch hier raus. Deshalb beeilt er sich nun auch mit seiner Antwort. „Ich werde mich sofort um die Angelegenheit kümmern. Seien Sie sicher Conte, dass ich Sie nicht enttäuschen werde. Am besten ich mache mich direkt an die Arbeit. Ich muss einiges in die Wege leiten.“

Conte Vigiani sieht Marquart an. Er merkt, wie viel Angst dieser Mann vor ihm hat. Und genauso sollte es auch sein. „Ich wüsche Ihnen und uns, dass Sie schnell Erfolg haben mit Ihren Bemühungen. Ich bin noch für zwei Tage hier in Bonn. Unsere Familie plant eine Leihgabe alter Meister an das Kunstmuseum Bonn. Ich bin hier, um alle Verträge diesbezüglich abzuschließen. Wenn Sie also Neuigkeiten haben, möchte ich darüber sofort in Kenntnis gesetzt werden. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen, ich habe noch einige Termine.“

Marquart steht auf und merkt, wie der Boden unter ihm wankt. Nur mit Mühe kann er das Gleichgewicht halten. Er geht auf Conte Vigiani zu und verabschiedet sich. Dann dreht er sich um und verlässt das Esszimmer in Richtung des Aufzuges. Der hünenhafte Guiseppe begleitet ihn wieder nach unten. Bevor sie das Erdgeschoss erreichen, überreicht er Marquart seine Dienstpistole. Er öffnet die Fahrstuhltür und Marquart geht wieder den Weg zurück durch die Empfangshalle nach draußen. Hier bleibt er einen kurzen Moment stehen. Er öffnet den obersten Knopf seines Hemdes und atmet tief durch. Er weiß, dass sein Leben keinen Pfifferling mehr wert ist, wenn er die ihm übertragene Aufgabe nicht erfüllt. Er wird also alles - aber auch alles - tun, um den Conte nicht zu enttäuschen. Und sollte es dazu nötig sein, ein paar Leute aus dem Weg zu räumen, dann würde er dies tun.