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Eine geheime Loge,

eine Bestie in Menschengestalt,

das dunkle Vermächtnis eines NS-Verbrechers.

 

 

 

Als der Anruf aus der Gerichtsmedizin der Uni Freiburg beim BKA eingeht, schrillen bei Kriminalrat Herzog sämtliche Alarmglocken. Jahrzehntelang stand der grausame Lagerarzt Aribert Heim bei ihnen ganz oben auf der Liste der meist gesuchten NS-Verbrecher- bis zu jenem Tag im September 2012, als das Landgericht Baden-Baden ihn schließlich für tot erklärt hatte. Nun jedoch ist mitten im beschaulichen Schwarzwald die grauenvoll zugerichtete Leiche eines alten Mannes aufgefunden worden, die alles in Frage stellt. Eingebettet in Kaugummireste hat man im Magen des Toten einen  alten SS-Ehrenring gefunden. Es ist der Ring mit der Nr. 1000- der Ring von Aribert Heim. Herzog setzt den Sonderermittler Marcus Kerner auf den Fall an, dessen eigene Familiengeschichte auf tragische Weise mit dem grausamen Lagerarzt verbunden ist. Kerner ahnt nicht, dass er durch seine Nachforschungen schon bald zur zentralen Figur der kommenden Ereignisse werden soll, und dieser Fall sein ganzes bisheriges Leben für immer verändern wird. Die dunkle Geschichte des Rings führt ihn weit zurück in die Vergangenheit. Dann überschlagen sich plötzlich die Ereignisse und Kerner gerät zwischen alle Fronten. Erst als er sich in einer einsam gelegenen Kapelle am Rande einer kleinen Grafschaft mit dem seltsamen Fremden trifft, zu dem er Kontakt aufnehmen soll, beginnt er endlich die wahren Ausmaße seines Falles zu begreifen. Der Mann ist einer der Grabritter des Vatikans und er kennt das dunkle Geheimnis, das mit dem Ring verbunden ist…

 


 

 

  Leseprobe

                                            Prolog


Bis Sonnenaufgang würde es noch fast zwei Stunden dauern. Nichts als pechschwarze Nacht umgab den alten, heruntergekommenen Fischkutter, der in langsamer Fahrt durch die sanfte Dünung vor der belgischen Küste rollte. An Bord brannte kein einziges Licht. Selbst die Positionslampen waren ausgeschaltet. Nur das leise monotone Blubbern des alten Schiffsdiesels, der ihn antrieb, verriet seine Anwesenheit. Wie ein Geisterschiff bewegte er sich auf sein Ziel zu und hatte es kurz darauf erreicht. Das Geräusch des Dieselmotors erstarb. Lautlos glitt er weiter und tauchte ein in eine dichte, weiße Nebelbank.

 

Nicolas, einer der beiden bulligen Männer, die sich an Bord befanden, hob den Kopf und sah nach oben in den Nebel. »Verdammt!«, fluchte er laut. »Nicht genug, dass wir um die Zeit raus müssen, jetzt fängt es auch noch zu regnen an. Beim nächsten Mal kann die Alte mich. Dann bleibe ich mit meinem Arsch im Bett. Soll Sie doch selber hier raus fahren und sich um die Scheiße kümmern- steckt sich ja schließlich auch das ganze Geld in ihre Taschen. Und uns, … uns speist sie mit ein paar lumpigen Scheinen ab.« Nicolas drehte den Kopf und sah zur Seite.

Lars, ein finster wirkender Typ mit einer auffälligen Narbe unter dem rechten Auge, die von einer Messerstecherei in einer Kneipe herrührte, gab keine Antwort. »Hab ich etwa nicht recht?«, hakte Nicolas nach. »Ist doch so!« Als hätte er überhaupt nichts gehört, zog Lars die breite Krempe seines Südwesters ins Gesicht und knöpfte sich die Jacke zu. Dann ging er über das Deck zu einer großen Holzkiste, die direkt an der Reling stand. »Jetzt komm schon und hör auf rumzumaulen«, raunte er mürrisch. »Hast eh wieder nur eine große Klappe. Wenn die de Man vor dir steht, kriegst du keinen Ton raus. Wo sollen wir denn hin, wenn wir nicht auf dem Hof bleiben können. Sei froh, dass wir ein Dach über dem Kopf haben, und was zu fressen. Schnaps gibt’s auch genug. Also, … quassel nicht rum. Komm lieber her und fass mit an.« Nicolas murmelte noch ein paar unverständliche Worte vor sich hin und ging schließlich zu Lars hinüber, der bereits das schwere Stemmeisen in der Hand hatte und auf ihn wartete. Lars zeigte auf den Boden vor der Kajüte. »Los, hol den Scheinwerfer und mach ihn an! Hab keine Lust, mir die Finger zu quetschen. Hier in dieser Nebelsuppe kann uns sowieso keiner mehr sehen.« Wortlos drehte Nicolas sich wieder um, holte den Scheinwerfer und schaltete ihn ein. Nachdem er ihn auf die Kiste gerichtet hatte, begann Lars den Deckel aufzuhebeln. Er musste ein paar Mal ansetzen, dann war der Spalt so groß, dass er das Stemmeisen ganz hinein bekam. Mit einem lauten Quietschen zogen sich die langen Nägel aus dem Holz. Kurzerhand packte Lars den Deckel und klappte ihn nach hinten weg, sodass er auf der anderen Seite hinunter auf die Bootsplanken krachte. Nicolas leuchtete in die Kiste hinein. »Was denkst du, wie alt die war?«, fragte er.

»Woher soll ich das wissen?«, antwortete Lars genervt. »Ist mir doch egal. Alt jedenfalls noch nicht. Und jetzt fass mit an. Stell den Scheinwerfer da an die Reling.« Nicolas sah noch einmal in die Kiste und betrachtete einen Moment lang die blasse, fast transparente Haut des toten Mädchens. »Mal keine Schwarze, wie sonst immer«, murmelte er vor sich hin und stellte dann den Scheinwerfer auf den Boden. »Möchte mal wissen, wo sie die her haben. Bestimmt irgend so eine arme Flüchtlingssau, nach der keiner kräht.« Er trat an die Seite der Kiste, beugte sich hinein und fasste den schweren Amboss, der auf der Leiche lag. Die dicke Eisenkette, die daran festgeschweißt war, schlang sich so eng um die Hüften des Mädchens, dass ihre Haut überall Quetschungen hatte. Um sicher zu gehen, dass sich die Kette später nicht von ihr lösen konnte, hatte Nicolas zwei der Ösen durch ein stabiles Vorhängeschloss miteinander verbunden. »Also, hoch mit ihr«, presste Lars zwischen seinen Zähnen her, während er unter ihren Armen durchgriff und den leblosen Körper mit einem Ruck anhob. Ohne große Mühe hoben die beiden kräftigen Männer das Mädchen und den Amboss aus der Kiste heraus und traten an die Reling. »Auf eins«, gab Lars das Kommando. Die beiden schwangen ihre Arme einmal kurz nach hinten und wuchteten das Mädchen dann zusammen mit dem Amboss über die Reling. Ein kurzes, dumpfes Platschen war neben der Bordwand zu hören, dann herrschte wieder Stille. Nicolas nahm den Scheinwerfer vom Boden und richtete ihn auf das Wasser, auf dem bereits die letzten Luftbläschen verschwanden.

Nichts regte sich in den zerfurchten Gesichtern der beiden Männer. Mit kalter Neugier beobachteten sie im Licht des Scheinwerfers, wie der leblose Körper in dem kalten, grauen Wasser der Nordsee hinabsank. Ein allerletztes Aufblitzen eines winzigen Punktes kam von dort unten- kaum einen Augenaufschlag lang- eine kaum noch wahrzunehmende, kurze Reflektion eines kleinen Medaillons, das das Mädchen um den Hals trug. Dann war nichts mehr zu sehen. Sie war verschwunden.

 

 

 

1

BKA- Standort Meckenheim-Merl, nahe Bonn

 

Eigentlich begann alles am 5. Oktober. Es war einer der letzten warmen Tage des Jahres, ein Freitagnachmittag, und der Betrieb im BKA deutete schon auf das nahende Wochenende hin. Marcus Kerner, Hauptkommissar im Referat SO54, der Abteilung für 'Schwere und Organisierte Kriminalität', saß am Schreibtisch seines Büros im Erdgeschoss des Gebäudes und wischte sich durch die Augen, unter denen sich dunkle Ringe gebildet hatten. Gedankenverloren sah er aus dem Fenster, wo die glitzernden Sonnenstrahlen des frühen Nachmittags durch das bunt leuchtende Laub der Bäume fiel. Wie friedvoll dieses Bild war. Kerner war weit davon entfernt, ein Tagträumer zu sein. Für gewöhnlich wurde sein Leben von Dingen bestimmt, die sich zu allem anderen eigneten, nur nicht zum Träumen- dazu ganz bestimmt nicht.  Aus solchen kurzen Momenten aber, in denen er diesen scheinbaren Frieden in sich aufnehmen konnte, schöpfte er manchmal seine Kraft. Und die brauchte er- gerade heute. Erst in den frühen Morgenstunden war er von einem Einsatz zurückgekehrt, der fast in einer Katastrophe geendet hätte. Sofort im Anschluss war er ins Krankenhaus gefahren und hatte dort den ganzen Vormittag verbracht. Einer seiner Männer war schwer verletzt worden. Vor einer Stunde hatte der verantwortliche Arzt dann endlich Entwarnung gegeben. Es bestand keine Lebensgefahr mehr.

 

Kerner legte den Kopf in den Nacken und sah hoch zur Decke. Noch einmal ließ er den nächtlichen Einsatz Revue passieren. Wie hatte die Sache nur so außer Kontrolle geraten können? Er war der Einsatzleiter, er war der Verantwortliche, und wie immer war dieser Einsatz von ihm bis ins Detail geplant und mit der Gruppe besprochen worden. In solchen extremen Situationen mussten alle Zahnräder ineinandergreifen. Davon hingen Menschenleben ab, und das hatte für ihn höchste Priorität. Und dann waren da plötzlich die Männer vom Referat SO24 aufgetaucht und hatten ein heilloses Durcheinander veranstaltet. Niemand hatte ihm vorher etwas darüber gesagt, dass sie ebenfalls an der Sache dran waren. Irgendetwas war hier faul, und er würde auch noch herausbekommen, was das war. Zunächst aber brauchte er jetzt dringend ein paar Stunden Schlaf.

 

Ein letzter Eintrag noch, dann warf er sein Notizbuch vor sich auf den Schreibtisch. Er stand auf und ging hinüber zur Garderobe. Als er gerade seine Jacke übergezogen und die Türklinke bereits in der Hand hatte, klingelte das Telefon. Genervt verzog er das Gesicht. Einen Moment lang zögerte er. Schließlich ging er zurück und hob den Hörer ab. Deutlich klang der Missmut über den Anruf in seiner Stimme mit. Am anderen Ende der Leitung meldete sich sein vorgesetzter Dienststellenleiter, Kriminalrat Herzog. Mit einem lauten Räuspern überging Herzog Kerners Tonfall und bat ihn mit knappen Worten zu sich in sein Büro- dann legte er auf.

Kerner sah den Hörer des Telefons an, als ob der ihm hätte sagen können, was Herzog von ihm wollte. Den Abschlussbericht über den gerade erst beendeten Einsatz konnte er ja wohl noch nicht erwarten. Mit einem Achselzucken verließ Kerner sein Büro und ging den Flur entlang. Unterwegs wünschten ihm einige der Mitarbeiter bereits ein schönes Wochenende, wobei auffiel, dass die Blicke seiner weiblichen Kollegen manchmal einen Augenblick länger an ihm hafteten. Nicht etwa, dass man ihn gerade als einen schönen Mann hätte bezeichnen können. Eher das Gegenteil war der Fall. Dafür sorgte allein schon seine Nase. Sie war auffällig groß geraten, und irgendwie erinnerte sie unwillkürlich an einen Boxer. Erste kleine Stirnfalten erzählten zudem bereits von einem Leben, das nicht gerade friedlich und sorglos verlaufen war. Dann jedoch sah man in seine Augen. Sie waren der eigentliche Auslöser für die Aufmerksamkeit, die er erregte. Der Blick dieser Augen war derart intensiv, dass er einen unwillkürlich in seinen Bann zog. Und dann spürte man plötzlich die enorme Präsens, die dieser Mann ausstrahlte.

 

Als er die Aufzüge erreicht hatte, kam ihm Kriminalrat Dr. Marquart entgegen. Marquart war der Referatsleiter SO24, der Chef jener Truppe, die ihnen in der Nacht dazwischengefunkt hatte. War Kerners Laune vorher schon nicht gut, jetzt verschlechterte sie sich nochmals. Marquart war zwar nicht sein direkter Vorgesetzter, hatte ihm aber seine Arbeit schon mehrfach erschwert. Direkt vor Kerner blieb er stehen. Provozierend langsam schob er mit seinem Mittelfinger die Brille hoch bis zur Nasenwurzel. »Sie kommen gerade richtig«, fuhr er Kerner an. »Ist Ihnen eigentlich klar, dass Sie heute Nacht sechs Monate Ermittlungsarbeit meiner Abteilung zunichte gemacht haben? Das wird noch ein Nachspiel für Sie haben, mein Lieber. Darauf können Sie Gift nehmen. Ich will jetzt auf der Stelle von Ihnen wissen, wer Sie zu Ihrem Eingreifen autorisiert hat! Und sollte das wieder einer Ihrer Alleingänge gewesen sein, dann verlassen Sie sich darauf, … werde ich dafür sorgen, dass Sie für sämtliche angefallenen Kosten meiner Abteilung geradestehen!«

Ein regelrecht körperliches Unbehagen breitete sich in Kerner aus. Marquarts wässrig blaue Augen, die ihn durch die dicken Brillengläser anstarrten, wirkten wie Fischaugen. In Kerners Rechten begann es gewaltig zu jucken. Nur allzu gerne hätte er diesem selbstgerechten Wichtigtuer, der vor knapp zwei Jahren vom FBI zum BKA gekommen war, einen Kinnhaken verpasst. Aber er blieb ruhig- zumindest nach außen hin. Er wusste, dass Marquart auf so eine Gelegenheit nur wartete, um ihn endlich loszuwerden. Kerner lächelte plötzlich. »Sie sollten auf Ihren Blutdruck achten, Dr. Marquart. Nicht, dass Sie eines Tages noch einen Schlag bekommen. Schlimme Sache, so ein Schlag. Es macht patsch, … und ehe man es richtig begreift, … liegt man schon im Dreck. Und was Ihre Frage angeht, … wenden Sie sich Kriminalrat Herzog. Er hat am Montag meinen Bericht auf seinem Schreibtisch und wird Sie sicher über alles informieren, … sollte er das für nötig halten. Dann können Sie ihm auch gleich erklären, was Ihre Männer da zu suchen hatten, und wieso niemand etwas davon wusste, dass Sie an dem Fall mit dran waren. Nun, Dr. Marquart, … war's das? Oder ist sonst noch was? Wenn nicht, ich habe noch andere Sachen zu erledigen!« Die provokante Antwort und dazu noch der lakonische Ton in Kerners Stimme, trieben Marquart die Zornesröte ins Gesicht. Er war es gewohnt, dass man sich vor ihm fürchtete, aber dieser Hauptkommissar wollte einfach keine Notiz von ihm nehmen. Seine Augen zogen sich zu schmalen Schlitzen zusammen. »Sie haben vollkommen recht, mit dem, was Sie da eben gesagt haben«, zischte er leise. »Es macht patsch, und ehe man sich's versieht, ist es vorbei mit einem. Sie sollten aufpassen, dass Ihnen das nicht passiert.« Ohne noch ein weiteres Wort zu verlieren, ging Marquart an Kerner vorbei in Richtung Ausgang. Kerner betrat den Fahrstuhl und sah ihm nach. Das Lächeln aus seinem Gesicht war verschwunden. Er machte sich nichts vor. Dieser kleine, untersetzte Mann mit den kalten Fischaugen war brandgefährlich. Ihn zu unterschätzen wäre ein schlimmer Fehler, den er lieber nicht begehen wollte.

 

 

Im Vorzimmer von Herzogs Büro erhellte sich Kerners eben noch düsteres Gesicht wieder. Hinter einem riesigen alten Schreibtisch, der wie immer vor lauter Akten fast zusammenzubrechen drohte, saß Christa Berendt. »Sieh an, sieh an, der Herr Hauptkommissar Kerner«, sagte sie lachend. »Was für eine Überraschung. Sie habe ich ja schon seit Tagen nicht mehr gesehen. Sagen Sie's ruhig! Sie mögen mich nicht mehr, stimmt's? Oder ist da vielleicht eine eifersüchtige Freundin, von der ich noch nichts weiß und die jedes weibliche Wesen, das Ihnen zu nahe kommt, auf der Stelle erschießt?«

Christa lachte wieder- auf eine Art, wie eben nur Christa lachte. Diese Frau war einfach die gute Seele der ganzen Abteilung. Seit über fünfzehn Jahren arbeitete Sie nun schon als Chefsekretärin für Herzog, und eigentlich gab es niemanden, der sich diese Abteilung ohne sie vorstellen konnte. Kerner ging zu ihr an den Schreibtisch und stütze die Hände darauf ab. »Wissen Sie, Christa, das liebe ich so an Ihnen. Wenn ich so richtig am Boden zerstört bin und am liebsten alles hinschmeißen würde, brauche ich nur zwei Minuten in Ihrem Büro zu sein, und weiß plötzlich wieder, dass es sich trotz allem lohnt weiterzumachen.« Christa Berendt verschränkte ihre Hände, legte das Kinn darauf und himmelte Kerner blinzelnd an. »Das haben Sie aber schön gesagt«, hauchte sie träumerisch. »Machen Sie ruhig weiter.« Kerner richtete sich wieder auf und zeigte lächelnd auf die Tür zu Kriminalrat Herzogs Büro. »Ich fürchte, dazu werden wir jetzt keine Zeit haben, Christa. Sonst erwartet uns beide da drinnen ein Donnerwetter.«

Mit gespielter Enttäuschung über den viel zu kurzen Flirt zog Christa die Mundwinkel nach unten, machte einen Schmollmund und zeigte ihm mit einer Handbewegung an, dass er zu Herzog hineinkonnte.

Nach kurzem Klopfen trat Kerner ein. Herzog stand am Fenster, die Hände auf dem Rücken gefaltet, und sah nachdenklich hinaus. Vor nicht allzu langer Zeit hatte der Kriminalrat bereits seinen sechzigsten Geburtstag gefeiert, und allmählich begann das eisgraue Haar, sich am Hinterkopf zu lichten. Trotzdem hatte dieser Mann immer noch eine unglaubliche Energie. »Wie geht es Wegener?«, fragte er, ohne sich umzudrehen. Hörbar pustete Kerner die Luft aus. »Die Ärzte sagen, er schafft es«, antwortete er.  Herzog atmete tief durch. »Das ist gut«, sagte er leise. »Gut für ihn, … und auch gut für Sie, Kerner.«

Immer noch aus dem Fenster sehend sprach er weiter. »Marquart tobt. So, wie er die Sache darstellt, hätten Sie genau gewusst, dass seine Abteilung in der Sache ermittelt. Er macht Sie für alles verantwortlich, und ich fürchte, er wird auch so schnell keine Ruhe geben. Wenn es nach ihm ginge, dann würden Sie wohl bald in hohem Bogen bei uns rausfliegen.« Herzog drehte sich um und ging zu seinem Schreibtisch. Dort blieb er stehen. Die dunkelbraunen Augen, die von dichten Augenbrauen eingerahmt wurden, sahen Kerner durchdringend an. »Ich habe mir Ihre Akte kommen lassen und mich eingehend mit ihr beschäftigt«, sagte er dann unvermittelt. »Das meiste, was da stand, wusste ich bereits- vielleicht sogar noch Einiges mehr. Trotzdem sind ein paar Fragen geblieben. Sie haben zunächst Theologie studiert und sind danach dann zum BKA gekommen. Ziemlich ungewöhnlicher Werdegang, finden Sie nicht? Mich würde interessieren, wie es eigentlich dazu kam. Für einen derart gravierenden Schnitt im Leben muss es einen sehr massiven Beweggrund gegeben haben. Aber darüber konnte ich in Ihrer Akte leider nichts finden.«

 

Kerners Blick verlor sich plötzlich und Bilder aus der Vergangenheit tauchten vor ihm auf. Ja, der Weg der ihn hierher geführt hatte, war in der Tat ungewöhnlich. Nur sprach er darüber so gut wie nie. Als er nach einem Moment des Schweigens antwortete, blickte er direkt in Herzogs Augen. »Wissen Sie, Herr Kriminalrat, ich hatte eine ziemlich strenge Erziehung. Keine schlechte, das nicht, nur sehr streng. Sie orientierte sich an  christlichen Werten und festen moralischen Grundsätzen. Daher hat für mich jedes menschliche Leben einen Wert. Leider musste ich feststellen, dass es Leute gibt, die sich zwar Menschen schimpfen, denen aber das Leben anderer vollkommen gleichgültig ist. Wenn diese Leute etwas wollen, dann nehmen sie es sich, und wenn es nicht anders geht, dann eben mit Gewalt. Es war am 13. August 2001 in Berlin. Ich habe an diesem Tag an einer Kundgebung teilgenommen und erinnere mich an ihn, als sei es erst gestern gewesen. Überall in der Stadt war Trauerbeflaggung wegen des Mauerbaus vor damals vierzig Jahren. Britta Bausen, eine gute Freundin von mir, die ich ein Jahr zuvor beim Weltjugendtag in Rom kennengelernt hatte, war gerade vor Kurzem zweiundzwanzig Jahre alt geworden. An diesem 13. August machte sie sich spätabends nach einem Besuch bei ihrer Freundin zu Fuß auf den Nachhauseweg. Ihre Wohnung lag nur ungefähr zehn Minuten entfernt. Es war der letzte Weg, den Britta in ihrem Leben gehen sollte. Keine hundert Meter von ihrer Wohnung entfernt, in einem kleinen Park, durch den sie immer ging, wurde sie überfallen, brutal vergewaltigt und dann ermordet. Bei der Untersuchung ihrer Leiche wurden unzählige Abdrücke entdeckt. Abdrücke von den Profilen grober Stiefel. An ihrem Hals, in ihrem Gesicht, auf ihrer Brust. Den Spuren nach waren es drei Täter. Zum Schluss haben diese Schweine ihr solange gegen den Kopf getreten, bis sie tot war- einfach so.

Ihre Beerdigung war für mich ein Albtraum. Dieses schreckliche Leid, das ich dort gesehen habe. Da war eine Familie, deren Leben niemals wieder unbeschwert sein konnte- eine Mutter, die sich aus lauter Verzweiflung zu ihrer Tochter ins Grab stürzen wollte. Da waren Freunde, so wie ich, die einfach nicht begreifen konnten, dass jemand für immer in ihrem Kreis fehlen würde. Ich fühlte mich plötzlich unendlich wütend und gleichzeitig absolut hilflos.

Mein Theologiestudium machte nichts ungeschehen- konnte das, was da passiert war, nicht verhindern. Wozu also war es dann überhaupt gut?

Dann war da ein Pfarrer. Ein Mann, der es auf unglaubliche Weise verstanden hat, die Angehörigen und Freunde in ihrer Trauer zu trösten und ihnen Mut zu machen. Jetzt wusste ich wieder, wozu mein Studium dienen sollte. Dieser Pfarrer hatte eine wirklich große und wichtige Aufgabe, nur wusste ich im selben Moment auch, dass ich diese Aufgabe niemals würde übernehmen können. In mir war nichts als ohnmächtige Wut- ein unbändiger Zorn darüber, dass Menschen, die ein solches Verbrechen begangen hatten, unbehelligt weitermachen konnten, weil man sie nicht erwischte. Von mir gab es keine Vergebung. In diesem Moment habe ich mich entschlossen, einen neuen Weg einzuschlagen. In Zukunft wollte ich nicht mehr nur hilflos zusehen. Ich wollte, dass solche Verbrecher unbarmherzig gejagt werden. Ich wollte ihnen die bittere Rechnung für ihr Tun präsentieren. Das war es, was ich wollte, und das ist wohl auch der entscheidende Grund dafür, dass ich hier bin.«

 

Herzog sah Kerner einen Moment lang schweigend an. Dann nickte er. »Ich verstehe«, sagte er. »Ja, ich glaube, ich verstehe sehr gut, weil es mir manchmal ähnlich geht. Auch wenn es ein trauriger Anlass war, der Sie hierher geführt hat, es war eine gute Entscheidung. Sie sind in meinen Augen ein erstklassiger Ermittler und außerdem einer der wenigen Menschen, die mein rückhaltloses Vertrauen haben. Aus diesem Grund habe ich jetzt auch etwas für Sie. Bitte setzen Sie sich.«

 

Aus der Schublade seines Schreibtischs zog Herzog eine rot gekennzeichnete Akte hervor. Er legte sie vor sich hin und sah Kerner über den Rand seiner Brille hinweg scharf an. »Alles, was diese Akte beinhaltet, ist im Moment noch streng geheim. Es dürfen keinerlei Details an die Öffentlichkeit gelangen. Andere Dienststellen werden nur dann involviert, wenn es nicht zu umgehen ist. Alle Ergebnisse in diesem Fall werden vorerst nur mir mitgeteilt. Ich möchte nicht im Vorfeld schon eine Lawine lostreten.« Kerner wurde hellhörig. Herzog gehörte nicht zu den Leuten, die zu Übertreibungen oder gar zur Dramatik neigten. Der Inhalt dieser Akte musste eine immense Tragweite haben. Wortlos nickte er. »Gut«, sagte Herzog, »dann fangen wir also an. Sie haben alle notwendigen Eigenschaften, um die Verbrecher der Oberliga zu jagen, Kerner, und genau das sollen Sie jetzt tun. Sagen Sie, sind Sie eigentlich etwas bewandert in der Geschichte der SS?« Kerner fuhr sich mit der Hand in den Nacken. Ein dunkles Kapitel in der Geschichte seiner Familie war eng damit verknüpft. Da es aber kaum etwas mit Herzogs Frage zu tun haben konnte, beließ er es bei einer allgemeinen Antwort. »Na ja«, sagte er, »ich würde meinen, soweit man durch Schulzeit und Studium normalerweise bewandert ist. Interessiert hat mich das Thema immer. Ich weiß aber auch, dass man in den Geschichtsbüchern längst nicht alles findet, was damit zu tun hat. Über die weitreichende Vor- und Nachgeschichte zu dem Ganzen findet man eher wenig. Aber worauf genau wollen Sie eigentlich hinaus?« Herzog lächelte Kerner hintergründig an.

»Das sage ich Ihnen jetzt. Am Dienstagabend gegen 23 Uhr ereignete sich im Schwarzwald auf der B 500 in Richtung Baden-Baden ein Verkehrsunfall. Dort ist ein Wagen von der Straße abgekommen und hat sich mehrfach überschlagen. Ein Ehepaar, das in diesem Moment die Strecke in entgegengesetzter Richtung befuhr, hat den Unfall gesehen und angehalten. Nachdem der Mann festgestellt hatte, dass sich keine Personen mehr in dem Unfallfahrzeug befanden, holte er seinen Feuerlöscher und löschte den Brand, der sich mittlerweile im Motorraum des Unfallwagens auszubreiten drohte. Dann verständigte das Paar die Polizei. Die eintreffenden Beamten begannen damit, den Unfallort näher zu untersuchen, wobei schnell klar wurde, dass der Fahrer des Wagens spurlos verschwunden war. Des Weiteren hatte der Wagen, ein großer Kombi der Marke Volvo, keine polizeilichen Kennzeichen mehr. Das eigentlich Interessante aber ist, was sie dann entdeckt haben. Aus der Heckscheibe des Wagens heraus ragte nämlich das Ende eines durch den Unfall stark beschädigten Sarges. Kurz darauf machte einer der Beamten eine äußerst makabre Entdeckung. Der Leiche, die sich in dem Sarg befand, fehlte der Kopf. Der Wagen war außerdem kein Leichenwagen, sondern ein ganz normaler Pkw. Sofort verständigten die Beamten die Kripo in Offenburg, die mit einem Team der Spurensicherung zur Unfallstelle fuhren. Der Sarg wurde komplett ins gerichtsmedizinische Institut nach Freiburg und der Unfallwagen zur Polizeistation Baden-Baden gebracht. Und jetzt kommen wir zu dem Teil der Geschichte, der erklärt, warum wir das Ganze vorerst nicht an die große Glocke hängen wollen. Die Rechtsmedizin hat den Sarg geöffnet. Bei der Leiche handelt es sich um einen Mann im Alter zwischen achtzig und einhundert Jahren. Vom Hauttyp her Mittel- oder Südeuropäer. Außer dem Kopf fehlte an der Leiche auch die rechte Hand. Die kompletten Fingerkuppen der linken Hand waren schwarz verbrannt und zu Brei gequetscht. Ebenso sah es mit beiden Füßen aus. Das waren nicht etwa Auswirkungen des Unfalls oder des anschließenden Brandes. All diese Verletzungen sind dem Mann vor seinem Tod beigebracht wurden. Das heißt nichts anderes, als dass er, bevor er endlich starb, auf grauenvolle Weise gefoltert wurde- vermutlich über einen Zeitraum von mehreren Stunden.«

 

Langsam setzte Kriminalrat Herzog die Brille ab und massierte sich mit einer Hand den Nasenrücken. Kerner versuchte sich vorzustellen, welche Qualen der alte Mann in den letzten Stunden seines Lebens hatte erleiden müssen. Er fragte sich, was in Menschen vorging, die fähig waren, ein solches Verbrechen zu begehen?

»Was für ein schrecklicher und grauenhafter Tod«, sagte Herzog nach einer Weile und setzte seine Brille wieder auf. »Aber deswegen ist der Fall natürlich nicht zu uns gekommen. Bei der Obduktion hat man im Magen des Toten Reste eines Kaugummi gefunden. Der Mann muss ihn circa acht Stunden vor seinem Tod geschluckt haben. In den Überresten steckte ein alter Ring. Auf der Innenseite befindet sich eine kaum noch lesbare Gravur:

 

S. l. b. Heim- 1. 12.38- H. Himmler- 1000

 

Wenn dieser Ring echt ist, dann…«

 

Kerner erschrak bis ins Mark. Er wusste nur zu genau was diese Gravur bedeutete. Es handelte sich um einen SS-Ehrenring- einen jener Ringe, die Heinrich Himmler einst an seine treuen Untertanen vergeben hatte.  Und dieser hier trug die Nr. 1000. Es war der Ring von Aribert Heim, einem der meist gejagten Naziverbrecher auf der ganzen Welt. Wenigstens war er das, … bis zu dem Tag, als ihn das Landgericht Baden-Baden offiziell für tot erklärt hatte.

 

»Sie wissen, was das für ein Ring ist?«, fragte Herzog, nachdem er Kerners angespanntes Gesicht sah. Kerner nickte wortlos, während sein Blick in die Ferne zu gehen schien. Jahrzehntelang hatte "Dr. Tod", wie Heim damals oft genannt wurde, auf den Fahndungslisten des BKA gestanden. Er war der Lagerarzt in dem KZ gewesen, in das seine Großeltern damals gebracht wurden und aus dem sie nicht wieder zurückkehrten.

Nach einer Weile drehte Kerner den Kopf und sah Herzog an. »Sie haben gefragt, ob ich weiß, was das für ein Ring ist? Ja, das weiß ich! Das weiß ich nur zu gut! Es ist der Ring eines der schlimmsten Nazis, die es jemals gab- Dr. Aribert Heim- Lagerarzt im KZ Sachsenhausen, Lagerarzt im KZ Mauthausen und … Lagerarzt im KZ Buchenwald. In all diesen Lagern war "Dr. Tod" dafür bekannt, dass er Menschen aus lauter Sadismus, Langeweile oder zu Übungszwecken Organe entnommen hat.« Kerner lachte verzerrt. »Eine Narkose empfand er dabei allerdings als überflüssig.

Nur verstehe ich das Ganze nicht. Heim ist längst für tot erklärt. Irgendwo in Kairo soll er gestorben sein. Bestehen da jetzt etwa plötzlich Zweifel dran? Dieser alte Mann, … dieser Tote, … denken Sie etwa, dass…?«

Herzog klappte die Akte zu und legte seine Brille darauf ab. »Ob ich denke, dass dieser Tote Aribert Heim ist? Ich weiß es nicht, aber genau das ist die Frage! Nach früheren Aussagen seines Sohnes soll Heim am 10. August 1992 in Kairo an Darmkrebs gestorben sein. Wirklich stichhaltige Beweise dafür sind allerdings nie erbracht worden. Deshalb wurden ja auch die Ermittlungen bis zu dieser Todeserklärung des Gerichts nie ganz eingestellt. Heims Kinder sind jetzt plötzlich abgetaucht. Ihr Aufenthaltsort ist zurzeit vollkommen unbekannt. Damit ist uns leider die Möglichkeit, über einen DNA-Test in dieser Sache weiterzukommen, nicht mehr gegeben.  

Ich möchte dieser Sache auf den Grund gehen, ohne dabei allzu viel Staub aufzuwirbeln. Deshalb sollen Sie nach Offenburg reisen und sich bei der dortigen Kripo einen Überblick über sämtliche relevanten Fakten verschaffen. Alle dort haben strikte Anweisung nichts von dem, was bisher bekannt ist, nach außen dringen zu lassen. Ab sofort arbeiten Sie als Sonderermittler an diesem Fall.«

Herzog lehnte sich zurück und sah in Kerners übermüdetes Gesicht. »Aber jetzt zuerst einmal ab nach Hause mit Ihnen. Sie sehen furchtbar aus. Schlafen Sie ein paar Stunden und vor allem, … machen Sie sich keine Gedanken über die Sache mit Marquart. Noch bin ich Chef dieser Abteilung.«

Nachdenklich stand Kerner von seinem Stuhl auf und ging langsam zur Tür. Dann drehte er sich noch einmal um. »Sagen Sie, Herr Kriminalrat, gibt es eigentlich einen bestimmten Grund, warum Sie ausgerechnet mir diesen Fall geben?« Herzog, der schon wieder begonnen hatte, in seine Unterlagen zu sehen, schaute zu Kerner hoch. „Ja, den gibt es!«, antwortete er trocken. »Der Grund ist der, dass ich viele Akten lese- unter anderem auch Ihre. Ich weiß, dass Ihre Großeltern 1944 von der Gestapo aus ihrem Haus verschleppt worden sind, weil sie eine jüdische Familie in ihrem Keller versteckt hielten. Die Juden sind sofort nach Buchenwald deportiert worden und Ihre Großeltern gleich mit. Also genau dorthin, wo Heim zu dieser Zeit Lagerarzt war. Die Spuren Ihrer Mutter verloren sich in dieser Zeit. 1955 tauchte sie dann unter dem Namen Helga Petersen in Duisburg auf. Ein paar Jahre später heiratete sie Hans Kerner, einen Stahlarbeiter vom Niederrhein. Das Glück der beiden war aber nicht von langer Dauer. Kurz nach Ihrer Geburt hatten Sie und Ihre Eltern einen Verkehrsunfall, den Sie wie durch ein Wunder als Einziger überlebten. Der Unfall warf damals einige Rätsel auf. Zwar konnte kein Fremdverschulden nachgewiesen werden, doch wurde fast zur gleichen Zeit in die Wohnung Ihrer Eltern eingebrochen und alles durchwühlt. Da man mit den Ermittlungen jedoch in keiner Richtung weiter kam, wurde der Fall schnell zu den Akten gelegt. Aufgewachsen sind Sie anschließend in einem katholischen Kinderheim in Bonn. Sie sehen, Kerner, ich bin, was Ihre Familienchronik angeht, bestens informiert. Warum ich Sie also auf diesen Fall ansetze? Ganz einfach! Weil ich denke, dass Sie ihn, auf Grund Ihrer engen persönlichen Verwobenheit mit dem wohl dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte, bestimmt sehr viel schneller vorantreiben als manch anderer.« Kerner war verblüfft. Es gab nur wenige Menschen, die diese Geschichte kannten. Herzog sah die Frage im Gesicht seines Hauptkommissars, und in die Augen des Kriminalrats trat für einen Moment ein fast schelmischer Ausdruck. »Sehen Sie, Kerner«, sagte er, »deshalb bin ich Ihr Chef. Ich muss alles wissen- Sie nicht ganz.« Herzog rückte mit seinem Sessel wieder an den Schreibtisch heran und arbeitete weiter.






2


zwanzig Kilometer außerhalb von Bonn

 

Der silberne Audi bewegte sich langsam die kurvenreiche und stark bewaldete Strecke den Berg hoch. Es war neblig an diesem frühen Samstagmorgen, und der Regen der letzten Nacht hatte die Straße, auf der schon überall das Herbstlaub lag, in eine Rutschbahn verwandelt. Kleine zusammengezogene Fischaugen unter der breiten Krempe eines altmodischen Hutes hinter dicken Brillengläsern versuchten, den dichten Nebel zu durchdringen. Marquart brachte die letzten Biegungen hinter sich und erreichte kurz darauf ein großes Plateau. Im langsam aufsteigenden Nebel tauchte ein imposanter Gebäudekomplex vor ihm auf- das Grand Hotel Petersberg hoch über dem Rheintal. Das Hotel war ein riesiger, herrschaftlicher Bau aus dem 18. Jahrhundert, dessen Anblick durchaus dazu geeignet war, jemanden in Staunen zu versetzen, vielleicht sogar, einem eine gewisse Ehrfurcht einzuflößen. Marquart verspürte nichts dergleichen. Er war auf dem Weg zu einem Treffen, auf das er heute Morgen gut hätte verzichten können. Sein Mund war trocken, und der Kragen seines Hemdes erschien ihm plötzlich enger als sonst. Langsam fuhr er auf den Parkplatz des Hotels und stieg aus. Die Luft war kühl zu dieser frühen Stunde des Tages. Trotzdem hatten sich unter seinen Achseln große dunkle Flecken ausgebreitet. Hektisch schaute Marquart noch einmal auf seine Armbanduhr. Er war früh genug. Aus dem Fond seines Wagens holte er ein Jackett und den Regenmantel, während seine Blicke unentwegt über das umliegende Gelände streiften. Er zog die Sachen über, schlug den Kragen des Mantels hoch und ging mit schnellen Schritten hinüber zum Hotel, wo unter einem Säulenvorbau ein roter Teppich zum Haupteingang der Nobelherberge führte.

Marquart betrat die fast noch menschenleere Empfangshalle, sah sich wieder kurz um, und schritt dann zielstrebig in Richtung Rezeption. Einer der beiden Portiers, die dort beschäftigt waren, trat ihm an dem großen Tresen gegenüber und lächelte ihn freundlich an. »Willkommen auf dem Petersberg, mein Herr. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?«

Marquart räusperte sich. »Ich habe eine Verabredung mit Conte Ferruccio Vigiani. Mein Name ist Braun. Würden Sie den Conte bitte darüber informieren, dass ich hier bin.« Den Namen Braun verwendete Marquart immer dann, wenn er in Angelegenheiten unterwegs war, die von anderen besser unbemerkt blieben, und seine  Verbindung zu den Vigianis zählte ohne Zweifel in ganz besonderer Weise mit dazu. »Selbstverständlich, Herr Braun«, antwortete der Portier und zeigte zu einer einladend aussehenden Sitzgruppe in der Nähe der Rezeption. »Ich werde Sie sofort anmelden. Bitte nehmen Sie doch so lange Platz.« Während Marquart langsam hinüber zu der Sitzgruppe ging, griff der Portier zum Telefon und wählte eine Nummer.

Marquart holte ein Taschentuch aus seiner Hosentasche, zog die Brille ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Der Portier kam um den Tresen herum auf ihn zu und blieb mit auf dem Rücken verschränkten Händen vor ihm stehen. »Der Conte Vigiani bittet Sie um einen Moment Geduld. Er lässt Sie sogleich abholen. Kann ich Ihnen vielleicht etwas anbieten? Eine Tasse Kaffee oder irgendetwas anderes?« »Ein Mineralwasser«, erwiderte Marquart schroff, ohne den Mann dabei anzusehen. »Aber ohne diese blöde Zitrone. Die lassen Sie gefälligst weg.«

Der Portier deutete eine leichte Verbeugung an. »Sehr gerne Herr Braun, bringe ich Ihnen sofort." Mit einem Lächeln und einer eleganten, tausend Mal einstudierten Bewegung wandte er sich um. Kaum hatte er die Drehung vollzogen, war das Lächeln bereits wieder verschwunden. Während er in Richtung der Hotelbar verschwand, brachten seine hochgezogenen Augenbrauen deutlich die Missbilligung zum Ausdruck, die er angesichts des rüpelhaften Verhaltens des frühen Gastes empfand.

 

 

Marquart wartete nun schon fast eine halbe Stunde. Zwischendurch nahm er einen Schluck von dem Mineralwasser, das eine Hotelangestellte ihm inzwischen gebracht hatte, und kaute darauf herum. Sein Magen machte ihm zu schaffen und immer wieder bekam er Schweißausbrüche. Dann hörte er plötzlich Schritte. Im nächsten Moment stand er auf.

Aus einem Seitengang heraus hatte eine hünenhafte Gestalt die Eingangshalle betreten. Guiseppe, der Bodyguard des Conte kam. Der Mann maß knapp über zwei Meter, das Gesicht wirkte hart und kantig, und das hellblonde Haar war militärisch kurz geschnitten. Ohne dass sich auch nur die geringste Regung im Gesicht des Bodyguards zeigte, kam er den Gang herunter. Direkt vor Marquart blieb er stehen und sah ihn an. »Kommen Sie, Doktor!«, sagte er in einer Stimmlage, die dem militärischen Haarschnitt angepasst war. »Der Conte erwartet Sie jetzt in seiner Suite.« Kaum hatte Guiseppe die knappen Sätze ausgesprochen, als er sich auch schon wieder halb herumdrehte und mit der Hand in die Richtung wies, aus der er gekommen war. Das "Guten Morgen" Marquarts ignorierte er einfach. »Hier entlang«, sagte er stattdessen, und ging dann einfach los. Marquart beeilte sich, noch einen Schluck von seinem Wasser zu trinken, griff seinen Hut und hastete dem Hünen hinterher. Kurz bevor dieser wieder den Seitengang erreichte, hatte er ihn eingeholt und bemühte sich, ein belangloses Gespräch anzufangen. »Scheußliches Wetter heute Morgen, nicht wahr? Man sieht vor lauter Nebel kaum die Hand vor Augen.«

»Ja, scheußlich«, lautete die karge Antwort des Hünen, bei der er Marquart jedoch keines Blickes würdigte. Nachdem sie ein paar Mal in andere Gänge abgebogen waren, erreichten sie einen etwas versteckt gelegenen Aufzug. Dieser konnte von anderen Hotelgästen nicht genutzt werden. Er war allein der Präsidentensuite vorbehalten. Der Bodyguard steckte eine Key-Card in einen Schlitz und gab über das Tableau einen Code ein. Der Aufzug öffnete sich, und der Mann deutete Marquart an hineinzugehen. Es gab nur drei Haltepositionen, die mit dem Aufzug angefahren werden konnten: Die Tiefgarage, die Eingangshalle im Erdgeschoss und die Präsidentensuite im Obergeschoss. Der Bodyguard wählte die Suite an und ohne den geringsten Ruck ging es aufwärts. Marquart fühlte sich hundeelend, und immer stärker rebellierte sein Magen.

Der furchteinflößende Riese kam einen Schritt auf ihn zu und stellte sich breitbeinig vor ihn. »Sie kennen das Prozedere«, sagte er monoton. »Geben Sie mir alle Waffen, die Sie bei sich tragen, und holen Sie auch alle sonstigen Metallgegenstände aus den Taschen.« Wie eine ferngesteuerte Puppe öffnete Marquart sein Jackett, zog die HK P30 aus dem Schulterhalfter und übergab sie dem Mann. Danach griff er in die Tasche seines Mantels und holte einen Schlüsselbund heraus. Er breitete die Arme seitlich aus und blieb steif stehen. Der blonde Hüne steckte die Waffe ein und nickte kurz. Dann nahm einen Metalldetektor von der Wand und fuhr Marquart damit ab. Anschließend tastete er nochmals mit den Händen. Dabei scheute er sich auch nicht davor Marquarts Schritt genauestens zu untersuchen. Als er fertig war, erhob er sich und grinste zufrieden. »Sie wissen ja«, sagte er lapidar und hob wie zu einer Entschuldigung Arme und Schultern an. »Das lässt sich leider nicht umgehen. Anweisung vom Conte.«

Längst schon war der Fahrstuhl bei der Präsidentensuite angekommen, aber erst jetzt, nachdem Guiseppe Marquart aufs Gründlichste durchsucht hatte, öffnete er die Tür. Sie betraten eine große Diele aus weißem Marmor, wo in der Nähe des Fahrstuhls ein weiterer Sicherheitsmann auf einem alten Kanapee saß. Er wechselte einen kurzen Blick mit Marquarts Begleiter und widmete sich dann wieder der Zeitung neben sich. Zusammen mit dem Hünen durchquerte Marquart ein großes Esszimmer, dessen Boden mit edlen Teppichen ausgelegt war. Überall an den Wänden hingen wertvolle Gemälde alter Meister. Es waren Bilder, die dem Conte persönlich gehörten, und die er hier hatte aufhängen lassen- neben mehreren Caravaggios, auch ein Gauguin, und ein Renoir. Marquarts Anwesenheit in diesem Ambiente wirkte ein wenig grotesk. Dafür jedoch fing sein Magen an, sich langsam wieder zu beruhigen. Irgendetwas sagte ihm, dass der Conte wohl kaum einen solchen Ort ausgewählt hätte, um ihn beseitigen zu lassen.

Guiseppe führte Marquart weiter zu einer geöffneten Doppeltür, durch die sie eine Außenterrasse betraten. Der aufsteigende, vor Kurzem noch dichte Nebel, begann bereits, sich zu lichteten. Ein Stück entfernt, an der Brüstung der Terrasse, stand ein hochgewachsener Mann in einem langen dunkelroten Morgenmantel aus Seide. Er war etwa um die vierzig Jahre alt, und seine nach hinten frisierten schwarzen Haare zeigten an den Schläfen schon eine leichte Graufärbung. Die Gesichtszüge wirkten streng und herrisch. Conte Ferruccio Vigiani stand dort und ließ die gigantische Kulisse auf sich wirken. Längst hatte er die Ankunft Marquarts hinter sich bemerkt. Er drehte den Kopf und sah zu ihm herüber. »Kommen Sie, Doktor«, sagte er, und winkte den Mann vom BKA zu sich heran. »Sehen Sie sich das hier an.« Etwas unsicher warf Marquart Guiseppe einen kurzen Blick zu. Dann beeilte er sich, der Aufforderung des Conte Folge zu leisten.  Mit kurzen schnellen Schritten ging der untersetzte Kriminalrat hinüber und stellte sich neben Ferruccio Vigiani an die Brüstung. Aus den Augenwinkeln nahm er jetzt einen weiteren Bodyguard wahr, der sich auf der anderen Seite der Terrasse aufhielt und die Umgebung beobachtete. Für die Anwesenheit des frühen Gastes schien er sich dabei nicht im Mindesten zu interessieren. Marquart wusste es besser. Alle diese Leute im Umfeld des Conte waren Söldner mit einer Spezialausbildung. Ihnen entging nichts. In dem Moment, in dem man auch nur den Versuch unternehmen würde, den Conte in Bedrängnis zu bringen, wäre man bereits tot.

 

Ferruccio Vigiani nahm die Zigarre, die er in der Hand hielt zum Mund und machte einen langen Zug daran. Sofort fiel Marquart der auffällige Ring ins Auge, der an der Hand des Conte steckte. Es war ein mächtiger, goldener Siegelring mit einem tiefblauen Lapislazuli in der Mitte- einem Stein mit den funkelnden Einschlüssen aus Pyrit. Er war in der Form eines Schildes geschliffen worden. Ebenfalls in Gold waren ein Schwert, ein Helm und ein Löwe eingearbeitet. Es war das Wappen der Vigianis, einer uralten Familie aus dem italienischen Hochadel- ein Symbol ihrer fast uneingeschränkten Macht, die sich weit über die Grenzen Europas hinweg erstreckte.

Marquart drehte leicht den Kopf und blickte an der imposanten Fassade des Hotels herunter in das tief unter ihnen liegende Rheintal. Dabei fühlte er förmlich den eisigen Blick, mit dem Ferruccio Vigiani ihn beobachtete. Ein kalter Schauer lief ihm den Rücken herunter. »Es, … es ist ein fantastischer Ausblick«, brachte er schließlich mit belegter Stimme hervor. »Wirklich einzigartig- fast atemberaubend, möchte man sagen.« Der Conte zog wieder an seiner Zigarre und sah geradeaus. Nach einer kurzen Pause drehte er den Kopf wieder zu Marquart. »Ich bin erstaunt, Doktor. Ich bin erstaunt, dass Sie solcher Eindrücke fähig sind. Aber Sie haben vollkommen recht. Es ist ein Bild, dass einem den Atem rauben kann. Viele gekrönte Häupter und Präsidenten standen hier schon. Hier und an anderen Orten, die nur wenigen Auserwählten zugänglich sind. Und sie alle spürten, was ich in diesem Moment spüre: die Macht und die Kraft der Vorfahren unserer westlichen Welt- die hohe Kultur, die durch das Blut unserer Ahnen und Urahnen an uns und unsere Nachfahren weitergegeben wird. Dieses Bild spricht mit uns. Es mahnt uns, dass es unsere Aufgabe ist, diese Kultur zu bewahren. Denn ein Volk ohne Kultur ist wie ein Baum ohne Wurzeln. Wie bei einem Baum muss man darauf achten, dass um ihn herum nicht zu viel wächst, was seine Wurzeln vernichtet. Man muss es mit allen Mitteln bekämpfen.«

Obwohl Marquart nicht so recht wusste, was der Conte mit seinen Worten meinte, nickte er eifrig zustimmend und tupfte sich mit seinem Taschentuch die Stirn ab, auf der sich schon wieder Schweißperlen gebildet hatten.

»Kommen Sie«, sagte Ferruccio Vigiani und drehte sich plötzlich um. »Ich wollte gerade frühstücken. Leisten Sie mir Gesellschaft, Doktor.«

Der hochgewachsene Mann legte seine Zigarre in einem Aschenbecher ab, der auf einem kleinen Tisch in der Nähe der Brüstung stand und ging dann quer über die Terrasse zu dem Esszimmer, durch das Marquart gekommen war. Inzwischen war auf einem Chippendale-Tisch in der Mitte des Raumes ein kleines Frühstücksbuffet aufgebaut worden, und eine junge Frau, die scheinbar nicht zum Hotel, sondern zu den Bediensteten der Vigianis gehörte, brachte gerade eine Kanne mit Kaffee zum Tisch. »Soll ich ein Gedeck für Sie auflegen lassen, Doktor?«, fragte  der Conte. Marquart räuspert sich und schüttelte den Kopf. »Nein danke«, antwortete er mit heiserer Stimme. »Ich fürchte, ich habe eine kleine Magenverstimmung. Wenn möglich, hätte ich gerne nur ein Mineralwasser.« Ferruccio Vigiani lächelte vielsagend. Er konnte sich die Magenverstimmung seines Gastes sehr gut erklären. Ob es allerdings bei solch vergleichsweise harmlosen Beschwerden bleiben würde, das musste sich erst noch zeigen. »Minette, Sie haben es gehört! Ein Mineralwasser für unseren Gast bitte, aber ein besonders magenschonendes, wenn es so etwas gibt.« Mit einem 'Sehr wohl Conte Vigiani' eilte Minette aus dem Raum. Langsam ging Ferruccio zum Tisch und wies auf einen Stuhl am anderen Ende. »Nehmen Sie Platz, Doktor. Wir haben einiges zu besprechen.«

 

Kaum saß Marquart auf seinem Stuhl, als Minette auch schon mit einem Tablett in der Hand zurückkehrte und ihm aus einer Flasche sein Mineralwasser einschenkte. Anschließend schickte sie der Conte hinaus.

Marquart trank einen Schluck, zog gleich darauf ein Taschentuch aus seiner Hose und tupfte sich die Stirn ab. »Ja dann«, sagte er um ein Lächeln bemüht, »einen guten Appetit wünsche ich.« Ferruccios Kopf ging hoch. Sein Blick wanderte über den langen Tisch hinweg zu Marquart.

Leise, fast bedächtig klang seine Stimme, als er zu sprechen begann. »So, so, einen guten Appetit wünschen Sie mir! Das ist ja nett. Und sonst haben Sie mir nichts zu sagen? Jetzt passen Sie mal gut auf, Doktor. Auf unser Betreiben hin sind Sie vom FBI zum BKA nach Meckenheim gekommen. Das geschah deshalb, weil wir der Ansicht waren, dass Sie dort von großem Nutzen für uns sein würden. Wir wollen unsere Aktivitäten in Deutschland erheblich ausweiten, und dazu brauchen wir fähige Köpfe an einigen Schaltstellen. Unterbrechen Sie mich, wenn ich etwas falsches sage, aber ich denke doch, dass die Zuwendungen, die Sie von uns erhalten, sehr generös sind, oder etwa nicht? Daher, mein lieber Doktor, erwarten wir natürlich, dass demgegenüber auch eine äquivalente Leistung steht. Sehen Sie, mein Vater und seine Freunde haben eine größere Aktion geplant. Solch eine Unternehmung kann aber nur von Erfolg gekrönt sein, wenn jeder Einzelne seine Aufgaben in vollem Umfang erfüllt. Und was tun Sie? Sie sitzen da wie ein Idiot und wünschen mir einen guten Appetit!«

 

Der Ton in Ferruccios Stimme hatte sich plötzlich verändert. Seine letzten Worte klangen wütend,  und sein Blick verstärkte diesen Eindruck noch. Marquart wagte kaum noch zu atmen. Er hatte plötzlich das Gefühl, sich übergeben zu müssen. Um Fassung ringend, versuchte er etwas zu entgegnen, doch der Conte zeigte ihm mit einer unbeherrschten Handbewegung an, dass er schweigen sollte. Dann fuhr er fort. »Die Transaktion, die gestern Nacht in Leipzig geplant war, hatte für uns eine nicht unerhebliche Bedeutung. Sie sollten das Ganze abschirmen. Und? Durch Ihre Unfähigkeit wäre fast alles aufgeflogen. Das Crystal-Meth, das dort von den Tschechen an unsere Leute übergeben werden sollte, war von uns als Einstieg in das Deutschlandgeschäft mit dem Zeug geplant. Fast eine Tonne hat man den Tschechen abgenommen, und einer unserer wichtigsten Kontaktleute ist dabei erschossen worden. Jetzt verlieren wir Zeit. Es wird dauern, bis die nächste Lieferung erfolgen kann. Sie können von Glück reden, dass unser Geld nicht angetastet wurde, sonst würden Sie jetzt nicht mehr hier sitzen.«

 

Ferruccio setzte seine Ellbogen auf den Tisch und presste die Kuppen seiner Finger gegeneinander. »Also schön, Doktor, lassen wir das im Moment. Kommen wir zu einer anderen Sache, die im Moment viel wichtiger ist. Uns kam leider etwas abhanden, was wir unter allen Umständen zurückerhalten müssen. Die Kripo in Offenburg ist durch den unverzeihlichen Leichtsinn eines unserer Mitarbeiter in den Besitz einer Leiche gekommen. Wir sind nach Ausschluss aller anderen Möglichkeiten zu dem Ergebnis gekommen, dass dieser uns sehr teure Verblichene etwas bei sich tragen muss, das wir unbedingt wiederhaben wollen. Es handelt sich dabei um einen alten SS-Ring. Die Bedeutung dieses Ringes kann sich außer uns keinem erschließen, sie ist auch für Sie vollkommen irrelevant. Seien Sie aber dessen versichert, dass sich alle, aber auch alle Aufwendungen lohnen, diesen Ring wiederzuerlangen. Wir wissen mittlerweile, dass eine Stelle Ihres BKAs in die Ermittlungen eingeschaltet wurde. Ist Ihnen irgendetwas darüber bekannt?«

»Ich, … äh, … nein«, stotterte Marquart. »Bisher nicht, aber ich werde mich natürlich sofort um die Sache kümmern.

Eigentlich kann eine solche Angelegenheit nur im Zuständigkeitsbereich von Kriminalrat Herzog gelandet sein könnte. Dieser alte Querkopf und sein ganzer Haufen sind überhaupt das Problem. Ich habe bisher keinen einzigen Mann in diese Abteilung einschleusen können. Die Ermittlungen dort werden fast komplett gegen mich abschottet. Es ist sehr schwer, etwas in Erfahrung zu bringen. Besonders ein gewisser Kerner, Herzogs Musterkommissar, macht mir immer wieder Schwierigkeiten. Aber ich arbeite daran.«

Scheinbar entspannt lehnte Ferruccio Vigiani sich etwas auf seinem Stuhl zurück und faltete die Hände. »Soll ich Ihnen etwas sagen, Doktor? Mein Vater und seine Freunde waren der Ansicht, dass Ihre Nützlichkeit für uns doch bei Weitem überbewertet sei. Sie können sich wahrscheinlich denken, was das bedeutet. Ich hatte große Mühe, Sie davon zu überzeugen, dass Sie uns in der eben beschriebenen Misere vielleicht doch noch hilfreich sein könnten. Ich sagte ihnen, dass jeder mal einen Fehler machen kann, und wir Ihnen eine zweite Chance geben sollten. Schließlich waren Sie in der Vergangenheit des Öfteren von Nutzen. Also, Dr. Marquart, ich erwarte von Ihnen, dass Sie sich unseres kleinen Problems annehmen, und es sollte für Sie wirklich alleroberste Priorität haben, es zu unserer Zufriedenheit zu lösen. Weil, Herr Dr. Marquart, und jetzt sollten Sie mir aufmerksam zuhören: Ein zweiter Fehler wäre zugleich auch Ihr letzter. Sehen Sie also zu, dass Sie diesen Herzog, oder Kerner, oder wer immer uns da im Weg steht ausschalten, sonst…«

 

Aus Marquarts Gesicht war jede Farbe gewichen. Er hatte plötzlich das Gefühl, als würde sein Hals zugeschnürt. Er musste hier raus. »Sie, … Sie können sich voll und ganz… Ich werde mich sofort um die Angelegenheit kümmern, Conte«, brachte er stotternd hervor. »Am besten, ich mache mich direkt an die Arbeit. Wenn Sie also nichts dagegen haben, dann würde ich mich gerne verabschieden. Ich muss ein paar Dinge in die Wege leiten.«

Ferruccio Vigiani konnte die Angst, die Marquart hatte, förmlich riechen. So und nicht anders sollte es sein. Nachdem er dem Mann vom BKA noch ein paar Einzelheiten zu der von ihm gesuchten Leiche mitgeteilt hatte, nickte er. »Gut«, sagte er, »das wäre im Moment alles, Doktor. Sie können jetzt gehen. Ach ja, … unsere Familie plant eine Leihgabe alter Meister an das hiesige Kunstmuseum. Ich bin hier, um alle Verträge diesbezüglich abzuschließen. Das heißt, dass ich innerhalb der nächsten beiden Tage hier für Sie erreichbar bin. Ich hoffe doch, dass Sie mir gut zugehört haben- dass Sie begriffen haben, wie wichtig ein schneller Erfolg Ihrer Bemühungen ist- für uns genauso wie für Sie. Wenn Sie also Neuigkeiten haben, möchte ich darüber sofort in Kenntnis gesetzt werden, verstanden?« Marquart stand auf und hatte das Gefühl, unter ihm würde der Boden wanken. Nur mit Mühe konnte er das Gleichgewicht halten. »Ja, ich habe verstanden«, antwortete er heiser. Mit knappen Worten verabschiedete er sich von Ferruccio Vigiani, und verließ kurz darauf das Esszimmer.  

 

Zurück beim Aufzug wartete dort bereits der hünenhafte Bodyguard des Conte. Als er Marquarts Gesicht sah, grinste er nur und öffnete die Tür des Fahrstuhl. Er begleitete Marquart bis nach unten, und gab ihm, als sie das Erdgeschoss erreicht hatten, seine Dienstpistole zurück. Mit weichen Knien ging Marquart durch die Eingangshalle nach draußen. Er hatte eine Scheißangst. An einer der Säulen des Vorbaus blieb er einen Moment lang stehen und lehnte sich dagegen. Er öffnete den obersten Knopf seines Hemdes und atmete tief durch. Eines war ihm vollkommen klar. Sollte er keinen Erfolg haben, war sein Leben keinen Pfifferling mehr wert. Die Vigianis würden ihn überall finden. Ihnen auf Dauer zu entkommen war unmöglich. Also würde er alles tun, um sie nicht zu enttäuschen, und es war ihm verdammt noch mal egal, was dazu nötig sein würde.  


                              Ende der Leseprobe

 

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